Das droht dem Westen bei einem Angriff auf Syrien

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Pulverfass NahostDas droht dem Westen bei einem Angriff auf Syrien

Angesichts der über 1000 Toten nach der mutmasslichen Giftgas-Attacke mehren sich die Rufe nach einer neuen «Koalition der Willigen». Doch ein Angriff bliebe nicht folgenlos.

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Bis zu 1300 Menschen sollen bei einem Chemiewaffenangriff vergangene Woche in einem Vorort von Damaskus ihr Leben verloren haben. Als Folge werden die Rufe nach einem Eingreifen des Westens in den syrischen Bürgerkrieg immer lauter.

Die USA, Grossbritannien, Frankreich und Deutschland machen – mehr oder weniger deutlich – syrische Truppen für den Giftgas-Angriff verantwortlich und drohen mit einer unmissverständlichen «Antwort». Die USA haben bereits Truppen verschoben: Rund 1000 Soldaten, eine Batterie mit Patriot-Abwehrraketen und etwa ein Dutzend F-16-Kampfflugzeuge wurden in Jordanien stationiert. Zudem haben die US-Streitkräfte ihre Flotte mit «Tomahawk»-Marschflugkörpern im östlichen Mittelmeer verstärkt.

Zu Angriff ohne Mandat bereit

Grossbritannien und die Türkei gehen noch einen Schritt weiter. Sie fordern eine Neuauflage der «Koalition der Willigen», wie sie bereits im Jahr 2003 vor dem Angriff westlicher Mächte auf den Irak gegründet wurde. Im Klartext heisst das, dass sie auch ohne Mandat des Uno-Sicherheitsrats aktiv werden wollen.

Anderseits hält Russland seine schützende Hand vor Assad. Zwar ist nicht anzunehmen, dass sich Putin in eine kriegerische Auseinandersetzung mit dem Westen einlassen wird. Doch Moskau droht, Syrien im Fall eines westlichen Eingreifens mit modernen Flugabwehrraketen zu beliefern. Und auch China stellt sich vehement gegen ein Eingreifen in den Bürgerkrieg. Syriens Präsident Baschar al-Assad selbst droht mit «sehr ernsten Konsequenzen».

Unkalkulierbare Konsequenzen

Dass ein Angriff des Westens auf Syrien nicht folgenlos bliebe, glauben laut dem «Spiegel» auch Nahost-Experten. Das deutsche Nachrichtenmagazin zählt drei Hauptgefahren auf:

- Israel könnte den Iran angreifen. Wenn Syrien in Bedrängnis kommt, dürfte der Iran seine Waffenlieferungen an das Nachbarland intensivieren. Das wiederum könnte Israel dazu veranlassen, die lange geäusserte Drohung wahrzumachen und die iranischen Nuklearanlagen anzugreifen. Dies wiederum würde die zurzeit angestrebte politische Lösung des Nuklearkonflikts torpedieren.

- Krieg zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon. Es ist zu befürchten, dass sich die Schiiten-Miliz Hisbollah vom Libanon aus an den westlichen Staaten rächt. Und zwar mit Angriffen auf Israel. Israel seinerseits geht davon aus, dass die Hisbollah auch über syrische Bio- und Chemiewaffen verfügt. Das Land könnte seine Drohung wahrmachen und bei einem Angriff auf die Hisbollah keine Rücksicht auf libanesische Zivilisten zu nehmen.

- Weltweite Terrorangriffe. Bei einem Eingreifen westlicher Staaten in den syrischen Bürgerkrieg ist mit einer Welle von Terrorattacken weltweit zu rechnen, zumal bereits jetzt schon die libanesische Hisbollah und das internationale Terrornetzwerk Al Kaida im syrischen Bürgerkrieg mitmischen.

Obamas Dilemma

Auch RP Online weist auf die Gefahr einer unkalkulierbaren Ausweitung des Bürgerkriegs im Fall eines westlichen Eingreifens hin. Das weiss natürlich auch Obama, der sich bisher durch Zurückhaltung ausgezeichnet hat. Doch angesichts der 100'000 Toten und der Millionen von Flüchtlingen im In- und Ausland, die der syrische Bürgerkrieg in den vergangenen zwei Jahren gefordert hat, wird der Druck auf den US-Präsidenten immer grösser. Und immer lauter werden die Stimmen, die ihn nach dem mutmasslichen Giftgas-Anschlag an die «rote Linie» erinnern, die er selbst aufgestellt hat.

Anderseits dürfte er die Gefahr fürchten, in eine jahrelange Auseinandersetzung hineingezogen zu werden – gerade jetzt, wo sich die USA langsam aus der unpopulären Afghanistan-Mission zurückziehen. Ihm bleibt daher «nur» die Möglichkeit, die militärische Macht der syrischen Regierungstruppen mit gezielten Raketenangriffen aus der Luft zu schwächen und so Assad eine unmissverständliche Botschaft zu hinterlassen. Aber auch ein solcher «chirurgischer Eingriff» würde von Assads Verbündeten wohl unweigerlich als Angriff interpretiert.

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