«Manche Linksextreme stacheln Flüchtlinge an»

Aktualisiert

Fehlinformationen«Manche Linksextreme stacheln Flüchtlinge an»

Die griechische Polizei sucht in Idomeni nach jenen, die Gerüchte über eine Grenzöffnung streuten. Die Gefährlichkeit solcher Zettel kennt auch der Basler Helfer Bastian Seelhofer.

Ann Guenter
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Ann Guenter

Die Charme-Offensive der griechischen Behörden, Flüchtlinge ohne Gewalt zu «überzeugen», die wilden Lager freiwillig zu verlassen, zeigt Wirkung: Hunderte Flüchtlinge und Migranten gingen erstmals sowohl aus dem Hafen von Piräus wie auch aus dem überfüllten Flüchtlingslager Idomeni an der mazedonischen Grenze weg und liessen sich in reguläre Unterkünfte fahren.

Doch noch harren in Idomeni Tausende Flüchtlinge und Migranten aus, um weiter Richtung Westeuropa gelangen zu können. Heute Mittwoch ist es hier zu unschönen Szenen gekommen, als die mazedonische Polizei erneut Tränengas und Blendgranaten gegen Flüchtlinge einsetzte.

Polizei sucht nach Zettelstreuern

In Idomeni ist die Polizei zudem auf der Suche nach freiwilligen Helfern, die in dem Lager Gerüchte über eine bevorstehende Grenzöffnung verbreitet haben könnten. Diese hatten die Menschen am Wochenende offenbar angestachelt, was zu wüsten Zusammenstössen am Grenzzaun führte. Bereits Mitte März hatten Zettel, die mit «Kommando Norbert Blüm» gezeichnet waren, Flüchtlinge aufgerufen, über einen reissenden Fluss nach Mazedonien zu gelangen. Dabei ertranken mehrere Personen. Gestern nahmen Beamte in diesem Zusammenhang vorübergehend 17 Menschen fest.

«Wir haben vieles gehört, aber ich halte mich mit Vermutungen zurück» sagt Bastian Seelhofer. Derzeit ist er mit seiner NGO im Hafen von Piräus, wo der Basler Tausende Flüchtlinge mit Gratis-Morgenessen versorgt.

Auch Seelhofer kennt die mitunter verheerenden Folgen, die Fehlinformationen in Camps haben können. Seit er die Schweiz letzten Herbst verliess, traf er in den wilden Lagern entlang der Balkanroute und in Griechenland immer wieder auf Zettel mit fehlerhaften Informationen. «Derlei Leaflets schüren falsche Hoffnungen», sagt der 28-Jährige. Grenzübergänge könnten wieder offen oder bereits wieder zu sein und die Informationen, die oft zu Zehntausenden im Umlauf seien, wären damit längst überholt. Das könne mitunter gefährlich sein.

«Leute aus der linksextremen Szene»

«In verschiedenen Ländern habe ich immer wieder miterlebt, dass Leute aus der linksextremen Szene Flüchtlinge zu Aufständen anstachelten oder sie aufforderten, sich zu wehren oder zu demonstrieren», sagt Seelhofer. «Teilweise war das positiv und sinnvoll, teilweise war es aber auch einfach nur lächerlich und gefährlich oder gefährdete sogar Menschenleben.»

Seelhofer und sein Team von «Be aware and share» sind seit Monaten mit drei Autos unterwegs, die sie als Einsatzfahrzeuge und Foodtrucks nutzen. Eben erst verteilte die NGO in und um Piräus rund 10 Tonnen Kleider von Spendern aus der ganzen Schweiz. Dazu kommt das allmorgendliche Zubereiten von Essen im Hafen von Piräus.

Er hilft auch Griechen

Seelhofer und sein Team helfen dabei nicht nur den Flüchtlingen und Migranten – sie helfen, wenn man so will, auch den Griechen. «Wir versuchen möglichst von den lokalen Anbietern zu kaufen. Etwa von einem Familienbetrieb, der uns täglich 100 bis 200 Brote liefert. Von einem anderen kleinen Betrieb kaufen wir täglich 3000 Äpfel und 1000 Bananen. Direkt finanziert aus unseren Spendengeldern von Privatpersonen aus der Schweiz.»

Die Finanzkrise macht sich in Griechenland nach wie vor stark bemerkbar. Und das «bei gleichzeitig 40'000 Flüchtlingen im Land». Das beeindruckt Seelhofer. «Angesichts dieser riesigen Anzahl Flüchtlinge reagiert die Mehrheit der Griechen noch immer sehr entspannt.» Doch der Unmut nehme zu. Das zeige sich etwa dann, wenn es, wie eben erst in Piräus, zu Auseinandersetzungen zwischen den Rechtsextremen der Goldenen Morgenröte und Linksautonomen komme.

«Sie kommen zu uns, ob wir wollen oder nicht»

Und doch: «Der Ärger der Griechen richtet sich eher gegen die anderen EU-Länder. Man fühlt sich im Stich gelassen, von Mazedonien, das seine Grenze schloss, oder von den reicheren Staaten wie Grossbritannien, Frankreich oder Deutschland.»

Der Basler kann aber auch nachvollziehen, dass Schweizer gegenüber den Flüchtlingen und Migranten, die er in Griechenland täglich versorgt, skeptisch gegenüberstehen. «Zumindest teilweise, denn die Flüchtlingskrise wird in den nächsten Jahren eine grosse gesellschaftliche Veränderung mit sich bringen. Doch diese Menschen kommen zu uns, ob wir das wollen oder nicht.» Er ist überzeugt: «Wenn wir wegschauen, werden wir eher vor den Kopf gestossen, als wenn wir uns mit der Thematik auseinandersetzen.»

Der von Bastian Seelhofer gegründete Verein «Be aware and share» besteht aus einem 30- bis 40-köpfigen Team von Freiwilligen aus der ganzen Schweiz und Deutschland. Seit vergangenem Oktober sind diese Volunteers auf der Balkanroute und in Griechenland, derzeit in Piräus, engagiert. Die Organisation hat einen berührenden Dokfilm über die jungen Flüchtlingshelfer gedreht. Hier gehts zum Trailer und hier zur Website von «Be aware and share».

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