Spaniens Arbeitslose«Sollen sie doch zur Hölle fahren!»
Der spanische Regierungschef will das Arbeitslosengeld kürzen, seine Parteikollegen applaudieren. Die Abgeordnete Andrea Fabra doppelt mit einer Obszönität nach - und löst damit einen Twitter-Shitstorm aus.
In Spanien laufen die sozialen Netzwerke heiss, weil sich eine Abgeordnete der konservativen Regierungspartei in einer Parlamentsession am Mittwoch abfällig über Arbeitslose geäussert haben soll – in der momentanen Krise immerhin 5,6 Millionen Mitbürger oder jeder vierte Erwerbsfähige.
Ministerpräsident Mariano Rajoy hatte gerade eine neue Sparmassnahme für das hoch verschuldete Land angekündigt: Seine Regierung werde das Arbeitslosengeld nach den ersten sechs Bezugsmonaten von heute 60 auf 50 Prozent des Bruttogehalts reduzieren. Damit wolle er «Negativ-Anreize» verhindern». Zur Einordnung: Ein durchschnittliches Angestellten-Gehalt in Spanien beträgt brutto rund 1500 Franken pro Monat.
In den Reihen seiner konservativen Partei brach daraufhin spontaner Applaus aus, worauf der Abgeordneten Andrea Fabra folgende Obszönität entfuhr: «Que se jodan!», gelinde übersetzt «Sollen sie doch zur Hölle fahren!». Die betreffende Passage aus dem Video-Mitschnitt der Parlamentsdienste wird seither fleissig auf Youtube, Facebook und Twitter herumgereicht – und äussert gehässig kommentiert.
Nicht alle Arbeitslosen wählen links
«Andrea Fabra rät uns, zur Hölle zu fahren, dabei baut ihr Vater Flughäfen, die ungenutzt bleiben, und ihr Ehemann bezeichnet Homosexuelle als Schmarotzer», schreibt User @alberxou. Fabras Vater Carlos, langjähriger Parlamentspräsident der Provinz Castellón, gilt als treibende Kraft hinter dem Geister-Flughafen Castellón-Costa Azahar, den keine einzige Airline anfliegt und der sich zum Millionenfiasko entwickelt hat.
Eine andere Twitterin erinnert daran, dass nicht alle arbeitslosen Spanier links wählen: «Die arbeitlosen konservativen Wähler werden ihre helle Freude haben, wenn sie hören, dass ihre Abgeordnete Andrea Fabra ihnen rät, zur Hölle zu fahren», schreibt Userin @Piruletadementa. Auch die Opposition meldet sich zu Wort: «Andrea Fabra soll zurücktreten. Sie ist nicht würdig, die Bürger zu vertreten», heisst es auf dem Account der sozialistischen Partei.
«Grössten Respekt» für die Arbeitslosen
Am Freitag meldete sich schliesslich die angegriffene Fabra zu Wort: Die Sozialisten hätten ihre Aussagen «verdreht» und das «Drama der Arbeitsloigkeit» für politische Zwecke missbraucht, sagte sie gegenüber der Nachrichtenagentur Efe. Ihre Worte hätten nicht den Arbeitslosen Spaniens, sondern den Abgeordneten der Opposition gegolten. Diese hatten Rajoys Erklärung zuvor wiederholt durch Zwischenrufe unterbrochen. Im Übrigen habe sie «grössten Respekt» für die Arbeitslosen. Auch aus ihrer Partei erhält sie Unterstützung: Vize-Generalsekretär Carlos Floriano warf der Opposition vor, ausser «Manipulation und Rücktrittsforderungen» nichts zu leisten.