FlüchtlingskriseSyrien verliert seine geistige Elite
Je mehr Menschen Syrien verlassen, desto weniger Akademiker und Studenten gibt es. Das wirft die Frage auf, wer das Land in Zukunft wieder aufbauen soll.
Während die Krise um syrische Flüchtlinge Topthema auf den Konferenzen westlicher Staaten ist, spielt sich ein damit eng verbundenes Drama eher im Stillen ab: Mit den Hunderttausenden Menschen, die Syrien verlassen, verliert das Land auch seine geistige Elite. Unter den Flüchtlingen sind Professoren und Gelehrte – aber auch Studenten, die ihre Ausbildung nicht beenden können und Jahre ihres Lebens verloren haben.
Das Problem sei von einem nie dagewesenen Ausmass, zitiert die BBC den Präsidenten des Institute of International Education (IIE) Allan Goodman. Vor Beginn des Bürgerkriegs in Syrien habe es im Land 350'000 Studenten und mehr als 8000 Professoren und Dozenten gegeben. Mehr als ein Viertel der jungen Menschen hätten eine höhere Bildung genossen.
Spitzel an der Uni
Fünf Jahre später leben Goodman zufolge mehr als 2000 Akademiker und Hunderttausende Studenten in Flüchtlingslagern in Jordanien und in der Türkei. Viele weitere sind innerhalb Syriens auf der Flucht. Anders als im Irak, wo Universitäten trotz herrschender Gewalt geöffnet blieben, wurden Hochschulen in Syrien gezielt zerstört.
Syrische Akademiker berichten der BBC von Spitzeln an Universitäten, fehlender Elektrizität, Wassermangel und zu wenig Mitarbeitern. Der Weg zur Hochschule sei von Gefahren gepflastert: willkürliche Checkpoints von Milizen und Diebe. Viele männliche Studenten würden zudem gezwungen, der Armee beizutreten. Akademische Exzellenz sei so nicht möglich, berichten die Geflüchteten. Dem Land drohe ein immenser Braindrain.
Internationale Hilfe
Der Westen hat das Problem inzwischen erkannt. In einigen Ländern gibt es Stipendien-Programme, die es syrischen Studenten ermöglichen sollen, ihre Ausbildung abzuschliessen. Die Hoffnung: Eines Tages kehren die künftigen Ingenieure, Physiker und Wirtschaftswissenschaftler in ihre Heimat zurück, um beim Wiederaufbau zu helfen.
In Finnland arbeitet das IIE mit der Regierung zusammen, damit syrische Studenten dort ihr Studium beenden können. Die britische Organisation Council for At Risk Academics (CARA) kooperiert mit einem Netzwerk aus 113 Universitäten, die Syrern die Studiengebühren erlassen. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) hat im vergangenen Jahr 271 Syrern ein Stipendium für deutsche Hochschulen gewährt.
Rückkehr ungewiss
Rund 5000 Bewerbungen seien für die Stipendien eingegangen, sagt Programmleiter Christian Hülshörster zu 20 Minuten. Zwei Drittel der Stipendiaten seien Naturwissenschaftler. Am meisten habe ihn überrascht, dass trotz der chaotischen Situation in Syrien nur in Ausnahmefällen Dokumente fehlten, um die Leistungen der Bewerber zu belegen. Offensichtlich sei es sogar Studenten in libanesischen Flüchtlingscamps möglich gewesen, sich etwa aus Aleppo Zeugnisse per E-Mail schicken zu lassen.
«Die Stipendien führen zu einer klassischen Win-win-Situation – für die Studenten und für die deutsche Wirtschaft», ist der DAAD-Stipendienprogramm-Leiter überzeugt. Ob die Stipendiaten später einmal nach Syrien zurückkehren werden, lasse sich allerdings schwer abschätzen, so Hülshörster. Von deutscher Seite gebe es keine rechtliche Rückkehrverpflichtung.
Verschiedene Programme an Schweizer Hochschulen
Auch in der Schweiz ist die Bildung syrischer Flüchtlinge Thema. Laut dem Dachverband Swissuniversities verfolgt man aber eine Strategie, die nicht nur die Universitäten, sondern auch die Schulen einbindet. In den kommenden Monaten solle hierzu ein runder Tisch stattfinden, heisst es. Vom Verband der Schweizer Studierendenschaft gibt es ausserdem ein Mentoring-Programm, mit dem Studierende aus Flüchtlingsstaaten unterstützt werden.
Das internationale Netzwerk Scholars at risk bringt über 400 Institutionen und Personen zusammen, die verfolgten Forschenden verschiedene Formen von Unterstützung zukommen lassen. Dem Netzwerk gehören auch Hochschulen aus der Schweiz an, zum Beispiel die ETH Zürich und EPF Lausanne sowie mehrere Universitäten.