«Lage ist komplizierter, als Ikea-Möbel aufzubauen»

Aktualisiert

Israel schiesst gegen Schweden«Lage ist komplizierter, als Ikea-Möbel aufzubauen»

Nachdem Schweden Palästina als Staat anerkannt hat, ruft Israel seinen Vertreter aus Stockholm zurück. Derweil bezeichnen die Palästinenser die Tempelberg-Sperrung als Kriegserklärung.

kko
von
kko

Im israelisch-palästinensischen Konflikt droht nach dem Gaza-Krieg im Sommer eine neue Eskalation. Die israelischen Behörden sperrten am Donnerstag erstmals seit der zweiten Intifada vor 14 Jahren den Tempelberg komplett ab. Für das Freitagsgebet wurde aber muslimischen Männern über 50 Jahren und Frauen der Zugang zur Al-Aksa-Moschee gestattet. Die Palästinenser erklärten, sie fassten die Abriegelung als Kriegserklärung auf.

Israel reagierte mit der Abriegelung auf Unruhen nach einem Attentatsversuch auf den jüdischen Aktivisten Jehuda Glick. Glick forderte mehr Zugang für Juden auf das Hochplateau, das von den Muslimen als Edles Heiligtum verehrt wird und auf dem Felsendom und Al-Aksa-Moschee stehen. Der mutmassliche palästinensische Angreifer, der ihn am Mittwochabend mit Schüssen aus nächster Nähe schwer verletzte, wurde von israelischen Polizisten erschossen.

Im arabischen Teil Jerusalems brachen Unruhen aus. Die Polizei ging mit Gummigeschossen gegen die Demonstranten vor und riegelte den betroffenen Stadtteil Abu Tor ab.

Israel: Palästina hetzt gegen Juden

Die israelische Regierung warf dem palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas vor, die Gewalt zu schüren. «Der Attentatsversuch auf Jehuda Glick ist ein weiterer schwerer Schritt palästinensischer Aufstachelung gegen Juden und den Staat Israel», sagte Verteidigungsminister Mosche Jaalon. Abbas hatte kürzlich dazu aufgerufen, Juden den Zugang in das Edle Heiligtum zu sperren.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte, er habe von der Welt noch kein Wort der Verurteilung von Abbas' Rhetorik gehört, der das Verhalten jüdischer Gläubiger auf dem Hochplateau mit dem einer Viehherde gleichgesetzt hatte. «Die internationale Gemeinschaft muss ihre Heuchelei beenden und gegen die Brandstifter vorgehen», forderte Netanjahu. Jaalon sagte, wenn Abbas «Lügen und Gift über die Rechte der Juden zum Gebet in ihrem Land verbreitet, dann ist das Ergebnis Terror, so wie wir es gestern gesehen haben.»

Letzter palästinensischer Aufstand dauerte 5 Jahre

Der Streit um Zugang und Religionsausübung auf dem Tempelberg wirft ein Schlaglicht auf das religiöse Element im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Der letzte palästinensische Aufstand gegen Israel begann im September 2000, nachdem der damalige Oppositionspolitiker Ariel Scharon das Edle Heiligtum besucht hatte. Viele Palästinenser sahen darin eine Provokation; wegen Zusammenstössen wurde der Tempelberg damals geschlossen. Die Intifada begann und wurde erst 2005 durch einen Waffenstillstand beendet, den Abbas und Scharon – damals Ministerpräsident – schlossen.

Der Tempelberg ist aber nicht der einzige Konfliktpunkt. Die Palästinenser wollen Ostjerusalem zur Hauptstadt ihres geplanten Staats machen, Israel baut jedoch immer mehr Wohnungen und droht, mit einem neuen Bauprojekt die Verbindung zum palästinensischen Westjordanland zu kappen.

Schweden anerkennt Palästina, Israel zieht Botschafter ab

Inmitten der wieder hochexplosiven Lage in Jerusalem anerkannte Schweden am Donnerstag den Staat Palästina. Aussenministerin Margot Wallström sagte, man habe sich dazu entschlossen, weil die Kriterien internationalen Rechts erfüllt seien: Palästina habe «ein Territorium, ein Volk und eine Regierung».

Der neue Ministerpräsident Stefan Löfven hatte die Entscheidung bereits bei seinem Amtsantritt Anfang Oktober angekündigt. Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern sei nur über eine Zwei-Staaten-Lösung beizulegen, sagte er damals.

Israel rief aus Protest seinen Botschafter aus Stockholm zurück. Aussenminister Avigdor Lieberman kritisierte den schwedischen Schritt als «miserable Entscheidung, die extremististische Elemente stärkt». Weiter müsse Stockholm verstehen, dass die Nahost-Beziehungen komplizierter seien, als Selbstmontage-Möbel von Ikea, zitiert ihn die «Jerusalem Post». (kko/sda)

«Das edle Heiligtum» oder «Tempelberg»

Den teils künstlich aufgeschütteten Hügel in Jerusalems Altstadt nennen die Juden «Tempelberg» und die Muslime «Das edle Heiligtum». Dort befanden sich die Haupttempel der Könige Salomon und Herodes.

Heute stehen auf der rechteckigen Hochfläche die Al-Aksa-Moschee und der Felsendom; der Prophet Mohammed soll von dort seine Himmelfahrt angetreten haben. Für den Islam ist dies nach Mekka und Medina die drittheiligste Stätte.

Auch nach der Besetzung Ost-Jerusalems durch die israelische Armee 1967 blieb das Plateau unter Verwaltung einer jordanischen Wakf-Stiftung (Arabisch für «fromme Stiftung»). Seitdem wurde in allen internationalen Abkommen die besondere Rolle des jordanischen Königshauses als Hüter der heiligen muslimischen Stätten in Jerusalem immer wieder bekräftigt.

Das Judentum verehrt den Tempelberg als seinen wichtigsten heiligen Ort. Nur dort, wo der im Jahr 70 von den Römern zerstörte Zweite Tempel stand, soll eine direkte Verbindung zu Gott herstellbar sein. Die Klagemauer, ein hoher Stützwall an der Westseite des Plateaus, dient heute als zentrale Gebetsstätte. Denn aus Sicherheitsgründen dürfen Juden - wie andere nichtmuslimische Besucher - den Tempelberg zwar betreten, aber dort nicht beten. (SDA)

Deine Meinung zählt