Bierlose und dunkle Zeiten in Caracas

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KriseBierlose und dunkle Zeiten in Caracas

Seit Sonntag laufen sogar die Uhren in Venezuela anders, um Strom zu sparen. Für Präsident Maduro wird es eng.

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In wenigen Tagen könnte es vielerorts kein Bier mehr geben: Ein Getränkehändler packt Bierdosen aus. (Archivbild)

In wenigen Tagen könnte es vielerorts kein Bier mehr geben: Ein Getränkehändler packt Bierdosen aus. (Archivbild)

Keystone/Fernando Llano

Eine beispiellose Versorgungskrise lähmt das sozialistische Venezuela. Präsident Nicolás Maduro will auch dem Parlament den Strom kappen. Eine kleine Gemeinheit, weil Venezuelas Opposition den Präsidenten per Referendum stürzen will? Der Staatschef des Landes mit den grössten Ölreserven der Welt wirkt zunehmend rat- und hilflos. Seit heute ist sogar an der Uhr gedreht worden, um Strom zu sparen.

Eine halbe Stunde vor, um mehr natürliches Tageslicht zu nutzen. Der drohende Zusammenbruch der Stromversorgung ist nicht die einzige Not. Venezuela gleicht einem Pulverfass. Medikamente und Lebensmittel fehlen, lange Schlangen, immer wieder Plünderungen.

Stundenlange Stromabschaltungen führten in einigen Städten zu Gewaltausbrüchen. Schulen blieben zuletzt freitags geschlossen, Staatsbedienstete mussten vergangene Woche nur an zwei Tagen arbeiten. Einkaufszentren müssen mit Spar- oder keiner Beleuchtung auskommen, viele Fabriken produzieren kaum noch. Das Problem heisst El Guri.

Kraftwerk produziert kaum Strom

Das Kraftwerk in dem riesigen Stausee hat normalerweise 10'000 Megawatt Leistung, das entspricht sieben Atomkraftwerken, aber es steht vor einem weitgehenden Produktionsstopp. Es versorgt das Land zu fast 70 Prozent mit Energie.

Die Abhängigkeit rächt sich mit einer der schlimmsten Energiekrisen. Hinzu kommen die höchste Inflation der Welt und eine tiefe Rezession.

Von 2014 bis 2015 seien die Jahreseinnahmen aus dem Ölgeschäft von 37,9 auf 12,6 Milliarden US-Dollar abgestürzt, sagte Maduro. Er sieht die Gründe für Krise und enorme Mangelwirtschaft im schwachen Ölpreis – und hält trotzdem an üppigen Sozial- und Wohnungsbauprogrammen fest.

Armee soll für Ordnung sorgen

Doch die Stromkrise könnte der berühmte Tropfen zu viel sein. In der Hafenstadt Maracaibo wurden Strassenbarrikaden errichtet, um gegen das Leben ohne Strom zu protestieren. Der Chef der Nationalgarde, Néstor Reverol, schickte 3500 Soldaten, um der brenzligen Lage Herr zu werden.

Maduro schiebt alle Schuld auf das Klimaphänomen El Niño – hohe Temperaturen liessen den Pegel im Guri-See stark sinken. Die Opposition wettert hingegen gegen lange Misswirtschaft, gegen nicht getätigte Investitionen in neue, moderne Kraftwerke. Und trotz viel Sonne fristen erneuerbare Energie hier ein ziemliches Schattendasein.

Kritische Grenze fast erreicht

Der Ingenieur Jesús Augusto Gómez vom Experten-Netzwerk Grupo Orinoco beobachtet täglich den Pegel, sein aktueller Befund ist dramatisch: 241,41 Meter. «Das ist nur noch 1,41 Meter über der kritischen Grenze von 240 Metern.» Dann ist für die meisten Turbinen Feierabend. Luft ströme ein, es bestehe die Gefahr schwerer Schäden.

Ende der Woche könnte der kritische Pegel erreicht sein. «Dann müssen bis zu acht Turbinen mit einer Leistung von 5000 Megawatt die Arbeit einstellen.»

Und was bringt die Zeitumstellung, auf nur noch sechs Stunden hinter der MESZ? «Der Effekt ist äusserst gering», meint Gómez. Vielleicht könne das den Bedarf an Leistung zu einigen Tageszeiten um 300 Megawatt drücken. «Die ganzen Massnahmen kommen zu spät, um nachhaltige Effekte zu haben.» Dazu gehört auch, dass Frauen auf Geheiss Maduros doch bitteschön vom Föhnen Abstand nehmen sollen.

Kein Bier mehr

Es kriselt an allen Ecken. Polar, mit 80 Prozent Marktanteil grösste Brauerei, musste gerade die Bierproduktion einstellen, wegen der Devisenpolitik der Regierung könne man keine Gerste mehr einführen. In wenigen Tagen könnte es daher vielerorts kein Bier mehr geben. Und in der Uniklinik in Caracas demonstrierten die Beschäftigten auf den Balkonen gegen fehlende Medikamente und ausbleibende Bezahlung.

Für Maduro hat längst das politische Endspiel begonnen. Im Dezember hatte die Opposition bei der Parlamentswahl triumphiert, sie will das unter dem 2013 gestorbenen Hugo Chávez begonnene Projekt eines Sozialismus des 21. Jahrhunderts beenden.

Referendum gegen Maduro

Chávez hatte 2007 die jetzt kassierte Zeitzone von 6,5 Stunden hinter der Mitteleuropäischen Sommerzeit eingeführt, Spötter sagen, damit Venezuela nicht mehr in der gleichen Zeitzone wie Teile der von ihm verachteten USA liege.

1,5 Millionen Unterschriften sammelte die Opposition letzte Woche, damit wird ein Referendum über Maduros Abwahl noch 2016 immer wahrscheinlicher (siehe Box). Käme es jetzt auch noch zu einem grossen Blackout, dürfte das Maduros Chancen auf einem Amtsverbleib nicht erhöhen.

Mindestlohn wird um 30 Prozent erhöht

Trotz der schweren Wirtschaftskrise wird der Mindestlohn erneut angehoben. Präsident Maduro verkündete eine 30-prozentige Erhöhung. Die Lohnuntergrenze liegt von Mai an bei monatlich 15.051 Bolívares, das entspricht laut offiziellem Wechselkurs 40 Dollar, auf dem Schwarzmarkt aber gerade einmal 14 Dollar. Zugleich wird der Wert der monatlichen Gutscheine, die in Supermärkten und Apotheken eingelöst werden können, um 40 Prozent auf 18.585 Bolívares heraufgesetzt, wie Maduro in seiner Fernsehansprache sagte. Der Mindestlohn in dem südamerikanischen Land stieg seit Jahresbeginn bereits um 56 Prozent. 2015 gab es vier Erhöhungen, was insgesamt fast einer Verdoppelung entsprach. (nag/sda)

Venezuela

Das geplante Referendum gegen Maduro

Die im Parlament dominierende venezolanische Opposition will den sozialistischen Präsidenten Nicolás Maduro per Referendum noch in diesem Jahr stürzen. Die erste Bedingung war die Sammlung von knapp 196'000 Unterschriften, das entspricht einem Prozent der Wahlberechtigten. Das wurde mit geschätzt 1,5 Millionen Unterschriften mehr als übertroffen. Diese werden nun vom Nationalen Wahlrat geprüft. Damit das Referendum angesetzt wird, müssen in einem zweiten Schritt fast vier Millionen Unterschriften gesammelt werden; von einem Fünftel der Wahlberechtigten.

2004 sollte auch Hugo Chávez so abgelöst werden, er gewann aber das Referendum und regierte bis zu seinem Tod 2013 - sein Nachfolger Maduro ist weit unbeliebter und hat zudem mit den Verwerfungen durch den Ölpreis-Absturz zu kämpfen.

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