Reportage aus NordirakDas Dorf zwischen den Fronten
Unterwegs auf der Niniveh-Ebene trifft die 20-Minuten-Reporterin auf unvorstellbare Zerstörung – und auf ein Dorf, dessen 800 Bewohner alle Geiseln des IS sind.
Mosul ist seit 2014 vollständig in IS-Hand. Die Offensive auf die Millionenstadt geht in ihre entscheidende Phase und kurdische, irakische und andere Streitkräfte rücken deswegen auf der Niniveh-Ebene vor und vertreiben die Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) aus den Kleinstädten und Dörfern.
Die fruchtbare Ebene vor Mosul gilt als Kornkammer des Landes und ist Hauptsiedlungsgebiet der Assyrer im Irak. Bevor der IS im September 2014 kam, lebten hier religiöse und ethnische Gruppierungen über Jahrtausende Seite an Seite – Christen, Jesiden, Schiiten, Turkmenen, Sunniten.
Jetzt leben in Mosul keine Christen mehr, die Kleinstädte der Niniveh-Ebene sind leer, viele Dörfer komplett zerstört. Gewachsen ist hier allein das gegenseitige Misstrauen. «Wir Christen wurden von unseren Nachbarn, die wir zwanzig Jahre kannten, an den IS verraten. Das werden wir ihnen nie verzeihen», sagt ein alter Mann in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Dohuk, der selbst aus der Niniveh-Ebene geflohen ist.
Niniveh-Ebene ist zu einem «Mini-Irak» geworden
Die Fahrt im Südosten der Ebene führt erst recht vor Augen, wie stark die mit der ethnischen und religiösen Diversität einhergehenden Spannungen des ganzen Landes sich hier verdichtet wiederfinden. Die Niniveh-Ebene ist zu einem «Mini-Irak» geworden.
Unterwegs bin ich mit General Heresh Agha von den kurdischen Zeravani-Kräften. Der Mann mit dem stechenden Blick befehligt in der Region 6500 Männer dieser militarisierten Polizeitruppe. «Der IS ist etwa 22 Kilometer von hier entfernt», erklärt er, als wir von seinem Hauptquartier beim Mosul-Staudamm losfahren. «Die Extremisten ziehen sich nur graduell zurück, es ist ein langwieriger Kampf um jedes Dorf hier.»
«Langwieriger Kampf» – was der General damit meint, verschlägt mir in den nächsten anderthalb Stunden gehörig die Sprache – auch wenn die ersten paar Städtchen und Dörfer, die wir passieren, intakt aussehen. Komplett menschenleer sind sie, die Bewohner sind zu Flüchtlingen im eigenen Land geworden. «Das ist Uana, hier lebten bis 2014 über 6000 Menschen, 70 Prozent davon Kurden», so der General. «Am Dienstag, also vor zwei Tagen, griff der IS hier das letzte Mal an.»
«Hier floss viel Blut. Und es ist noch nicht vorbei.»
Im Nachbarsort Dere, einst christlich-aramäisch, später sunnitisch, zeigt sich, was es heisst, wenn der IS kommt: Zwischen mehrheitlich unbeschädigten Häusern klaffen allerorts Lücken: «Wenn sich die Leute hier nicht dem IS anschlossen, wurden ihre Häuser in die Luft gejagt», erläutert der General.
Dann war die Unterstützung für den IS hier also stark? «Ja», bestätigt er. «Aus Dere stammen einige sehr gefährliche IS-Mitglieder. Mittlerweile sind sie geflüchtet, wohl nach Mosul.» Seine Miene verdüstert sich. «Ein IS-Sniper hat hier vor kurzem fünf Peshmerga getötet. Zehn starben bei Mörserangriffen. Hier floss viel Blut. Und es ist noch nicht vorbei.» Hinter Dere liegt die nächste Frontlinie nur 500 Meter entfernt.
Etwas Postapokalyptisches
Wir halten zu keinem Zeitpunkt an. Die Häuser seien zwar gesichert und von IS-Sprengsätzen geräumt, sagt der General, aber man wisse nie. Je weiter wir Richtung Mosul fahren, desto schlimmer die Zerstörungen. Mittlerweile zeigen nur noch verstreute Schutt- und Geröllfelder an, wo einst Dörfer standen.
Der IS habe alles gesprengt, als seine Kämpfer von den Peshmerga vertrieben wurden. «Diese Extremisten wollen nur verbrannte Erde hinterlassen, gespickt mit ihren Sprengsätzen», so der General. Verbogene Stahlträger ragen überall empor, vereinzelt liegen Schuhe herum – es hat etwas von einer Postapokalypse an sich. «Das Dorf Tanja, hier standen einmal 70 Häuser», sagt der General. «Das war Ommar Begg, das war Dawasa, ...».
Unterwegs auf der Niniveh-Ebene trifft die 20-Minuten-Reporterin auf unvorstellbare Zerstörung und auf ein Dorf, dessen 800 Bewohner alle Geiseln des IS sind.
Das Dorf zwischen den Fronten
Meist ist von blossem Auge zu erkennen, ob ein Haus mit IS-Sprengsätzen von innen zum Einsturz gebracht oder von oben durch die Jets der Anti-IS-Koalition bombardiert wurde. Doch der Verdacht liegt nahe, dass auch kurdische Streitkräfte hier Häuser sprengten, um sunnitische Araber von einer Rückkehr abzuhalten. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Sunniten in den Distrikten des Nordiraks unerwünscht sind.
Wie 20 Minuten vor einem Jahr nach dem Besuch an der Makhmour-Front schrieb: «Der Krieg gegen den IS wurde zum Anlass genommen, in den ohnehin lange umstrittenen Gebieten kurdische Fakten zu schaffen. Andererseits kommt es immer wieder zu Zwischenfällen, wo die Teile der sunnitischen Bevölkerung den vorrückenden Peshmerga in den Rücken fallen und mit dem IS zusammenarbeiten. Es herrscht tödliches Misstrauen, hüben wie drüben.»
Daran hat sich nichts geändert. Während wir an der Verwüstung vorbeiziehen, sagt General Agha nachdenklich: «Ich hoffe, sie kehren nicht zurück.» Es bleibt offen, ob er damit die IS-Kämpfer oder sunnitische Araber meint.
An einem Stützpunkt mit einigen mit Teppichen verhangenen Verschlägen und den unvermeidlichen Sandsack-Wällen steigen wir aus. Die Männer hier scheinen nicht mit dem Besuch des Generals gerechnet zu haben, sie eilen herbei, grüssen ihn ordnungsgemäss. Das sind keine Peshmerga-Milizen, man erkennt es auf den ersten Blick: Die Zeravani-Kräfte wirken durchtrainierter, abgehärteter.
«Diese Männer waren zuvor an sehr aktiven Fronten. Ich habe sie für einige Wochen zur Erholung hierher geschickt», sagt General Agha, und alle lachen. Er wechselt das Thema, deutet auf die Fläche vor den aufgestapelten Sandsäcken. Auch ohne Feldstecher sind deutlich Häuser auszumachen: das Dorf Kefrej, das am östlichen Ufer des Tigris liegt.
«Dorfbewohner sind Geiseln der Extremisten»
Etwa 800 Menschen, um die 160 Familien, leben hier. «Von hier aus sehen wir die Rückseite des Dorfes. Es liegt am Fluss – und auf der anderen Flussseite ist IS-Gebiet», erzählt der General. Heisst: Kefrej und seine mehrheitlich sunnitischen Bewohner sind zwischen den Fronten von Peshmerga und IS eingeklemmt.
«Erobern werden wir das Dorf nicht, zumindest nicht, solange der IS auf der anderen Seite seinen Stützpunkt hält. Alles andere wäre für die Zivilisten zu gefährlich», so der General. In dieser Pattsituation haben beide Seiten einen recht pragmatischen Umgang miteinander gefunden: «Gibt es einen medizinischen Notfall, lässt der IS die Leute zu uns kommen. Schwangere etwa, die kurz vor der Niederkunft stehen. Wir sorgen dafür, dass sie versorgt und später an diesem Stützpunkt wieder von Leuten aus dem Dorf abgeholt werden.»
Nicht zurückzukehren sei keine Option, sagt der General mit unbewegter Miene. «Der IS würde alle zurückgebliebenen Familienmitglieder umbringen. So sind diese Dorfbewohner zu Geiseln der Extremisten geworden.»
«Kein Platz für so viele Leute»
Die Peshmerga haben Informanten im Dorf. Diese berichten, dass es mit der Versorgungslage nicht zum Besten stehe. Vor einigen Monaten sei das Dorfoberhaupt entführt und nach Mosul gebracht worden. Der Mann sei eben erst wieder zurückgebracht worden – «wohl gegen ein hohes Lösegeld».
«Wieso fliehen die Familien nicht alle zusammen?», frage ich den General. «Angst», sagt der, und: «In unseren Camps gibt es keinen Platz für so viele Leute. Wir bräuchten hier die Hilfe des UNHCR.» Wenn die Unterbringung von 800 Personen bereits ein Problem ist, was passiert dann erst, wenn Mosul angegriffen wird?
Immerhin wird je nach Art der Offensive mit bis zu einer Million Flüchtlingen aus Mosul gerechnet – zusätzlich zu den 1,5 Millionen, die aus Syrien und dem Rest des Landes in die autonome Region Kurdistan flohen. «Wir Kurden können nur für die Sicherheit jener garantieren, die in unsere Richtung fliehen», sagt Agha. «Um jene Zivilisten, die in Richtung Bagdad fliehen, soll sich die Anti-IS-Koalition kümmern.»
Die Antwort des Generals sagt nicht viel und doch alles: Ohne zusätzliche anhaltende Unterstützung bricht der «sichere Hafen», als der die Kurden-Region gilt, zusammen. Die UNO hat 2016 nach eigenen Angaben erst 31 Prozent des Geldes erhalten, das sie für die Versorgung von mehr als sieben Millionen Irakern in Not benötigt – weniger als 20 Prozent davon entfielen auf Kurdistan.