Hongkong-ProtesteGibt es ein zweites Tiananmen-Massaker?
Mit ihren Protesten fordern die Bewohner von Hongkong die Regierung in Peking heraus. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den für China ungewöhnlichen Demonstrationen.
Zehntausende sind in Hongkong auf der Strasse und protestieren gegen die Beschlüsse der chinesischen Zentralregierung. Über Wochen sind die einstigen Studentenproteste zu einer Massenbewegung angewachsen. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten.
Was wollen die Demonstranten?
Zum einen fordern sie freie Wahlen. Im Jahr 2017 wählen Hongkongs Bürger zum ersten Mal den neuen Regierungschef der Stadt. Als die Regierung Ende August bekannt gab, dass die Kandidaten zuvor von Peking genehmigt werden müssen, sorgte dies für grossen Unmut in der Bevölkerung. Weiter fordern die Demonstranten politische Reformen. Dazu lancierten sie im Juni 2014 ein inoffizielles Referendum, das 800'000 Menschen unterschrieben. Seit dem harten Vorgehen der Polizei am 28. September verlangen die Demonstranten auch den Rücktritt von Regierungschef Leung Chun Ying.
Welche Privilegien geniessen gerade die Hongkonger im Vergleich zu Festland-Chinesen?
Neben dem Wahlrecht sind das unter anderem eine weitreichende Presse- und Meinungsäusserungsfreiheit, der freie Kapitalverkehr, Verpflichtung zur Rechtsstaatlichkeit und ein freier Hafen. Diese Vereinbarungen waren auch im Interesse Chinas, weil nur so sichergestellt werden konnte, dass der Finanzplatz die Übergabe überlebt (siehe Infobox).
Warum fordern die privilegierten Hongkonger Reformen?
Laut den Demonstranten hat Peking Hongkongs Sonderrechte in den letzten Jahren immer mehr aufgeweicht. Pressezensur, soziale Ungleichheit und die Zahl der zugewanderten Festlandchinesen nehmen zu. Auch Vetternwirtschaft und Korruption auf höchster Ebene beklagen die Demonstranten. Im Juni verkündete Peking, dass alle Sonderrechte Hongkongs ab sofort widerrufen werden können, sollte sich China durch Vorgänge in Hongkong bedroht sehen.
Welche Rollen spielen Presse und soziale Medien?
Dank der noch weit reichenden Pressefreiheit wird über die Proteste in Hongkong selber gross berichtet. Dass die Polizei am 28. September gegen friedliche Demonstranten Tränengas, Schlagstöcke und Pfefferspray einsetzte, sorgte in ganz Hongkong für Empörung - und für Solidarität mit den Demonstranten. Die stark zensierten Medien im restlichen China hingegen erwähnen die Proteste kaum. Wichtig sind auch die sozialen Medien: Bilder, Filme und fotografierte Artikel verbreiten sich bis aufs Festland. Deshalb blockierte Peking jetzt Instagram und Weibo-Posts.
Was sind die Parallelen/Unterschiede zum Tiananmen?
Die Bilder aus Hongkong erinnern unweigerlich an die Studentenproteste von 1989 auf dem Tiananmen-Platz in Peking. Auch damals forderten vor allem Studenten mehr Freiheiten und mehr Demokratie. Die Regierung beendete die Proteste mit brutaler Gewalt. Auf dem Festland sind Berichte über diese Vorgänge streng zensiert. Nicht so in Hongkong, wo jedes Jahr am 4. Juni grosse, öffentliche Gedenkveranstaltungen stattfinden. Die Hongkonger sind sich daher des Risikos, das sie mit ihren Demos eingehen, durchaus bewusst.
Wie wird Peking reagieren?
China steckt in einem Dilemma. Wegen der Hongkonger Medien können die Behörden nicht zu hart vorgehen. Gleichzeitig will Peking verhindern, dass die Proteste Nachahmer auf dem Festland hervorbringen. Gerüchte um einen bevorstehenden Einsatz der Militärpolizei in Hongkong haben Amtsträger in Hongkong und Peking bisher dementiert. Doch es ist nicht ausgeschlossen, dass die Zentralregierung als letzte Möglichkeit darauf zurückgreift.
«Ein Land, zwei Systeme»
Hongkong ist ein Sonderfall. Die Stadt war über 150 Jahre lang britische Kronkolonie - bis zum 1. Juli 1997. Seither ist Hongkong eine Sonderverwaltungszone unter der Kontrolle Chinas. Die Bewohner geniessen weit reichende Freiheiten, die anderswo in China undenkbar sind.
Wahlen in Hongkong
Unter britischer Kontrolle wählte die Regierung in London den Regierungschef. 2017 sollen die Hongkonger diesen zum ersten Mal direkt wählen können. Dieses Recht ist im Übergabe-Vertrag zwischen China und Grossbritannien festgehalten. Das Problem: Das genauere Wahlprozedere wurde nicht spezifiziert.