Im KugelhagelMorden auf den Strassen von Marseille
Das Jahr als Kulturhauptstadt sollte Marseilles Image als Gangsterhochburg vergessen machen. Doch der blutige Bandenkrieg reisst nicht ab. Jüngstes Schreckensbeispiel ist eine verkohlte Leiche.
Die Methode ist bekannt in Marseille. Ein Mensch wird erschossen, das Opfer verbrannt. Der inzwischen ebenfalls getötete Gangsterboss Farid Berrhama soll das Mittel geschätzt haben, mit der die Identifizierung von Opfern erschwert wird. Die Methode brachte ihm den Beinamen «der Röster» ein.
Solche Morde gibt es im Bandenkrieg der französischen Hafenstadt immer wieder. Eine verkohlte Leiche ist auch das jüngste Schreckensszenario am Mittelmeer. Alles deutet erneut auf den erbitterten Kampf um Drogen, Waffen und Einfluss hin. Das jüngste Opfer wurde am Samstag entdeckt.
Polizei tappt im Dunkeln
Die brutale Gewalt zeigt Wirkung. «Wir tappen im Dunklen, es ist beängstigend», sagt Bezirksbürgermeister Garo Hovsepian. Erstmals werde er von Einwohnern angesprochen, ob Polizeiwagen im Quartier stehen könnten.
In seinen Arrondissements, dem 13. und 14. Bezirk von Marseille, konzentriert sich die jüngste Serie von Anschlägen. Vier Menschen kamen dabei innerhalb von zwei Wochen ums Leben. 2012 wurden in der Region Marseille 24 Opfer der kriminellen Kämpfe gezählt.
Regionale Medien berichten von «Schiesserei à la Kalaschnikow». Das russische Sturmgewehr ist beliebt bei den Banden in Marseille. Eine AK-47 soll es in einschlägigen Kreisen schon für ein paar hundert Euro geben.
Die organisierten Banden schrecken auch nicht vor Anschlägen auf offener Strasse zurück. Beim Mord an zwei jungen Männern in der vergangenen Woche wurden Dutzende Kugeln abgefeuert.
Innenminister entsendet Polizisten
Als europäische Kulturhauptstadt wollte sich Marseille in diesem Jahr ein neues Image geben. Die zweitgrösste französische Stadt fasziniert zahlreiche Touristen und Kulturinteressierte mit einem umfassenden Programm und spektakulären Neubauten. Doch mit brutaler Gewalt drängt sich die Realität der Bandenkriege in den von Arbeitslosigkeit geprägten Vierteln dazwischen.
Die französische Regierung zeigt sich entschlossen. Innenminister Manuel Valls spricht von unerträglichen Taten, die er nicht hinnehmen wolle. Nach der jüngsten Anschlagserie hatte Valls erneut 240 Polizisten zur Verstärkung nach Marseille geschickt. Bereits 2012 waren die Sicherheitskräfte wegen der Anschläge verstärkt worden.
Als erste Erfolge verweist Valls auf beschlagnahmte Drogen und Waffen. Doch auch der Minister räumt ein, es gebe Verbrecher, die im Kampf um Einfluss und Drogenhandel nicht zögerten zu töten. (kub/sda)