Mandela und GewaltWarum Amnesty sich nicht für ihn einsetzte
Wussten Sie, dass Mandela auf den Namen «Störenfried» getauft war? Diesem Namen machte er alle Ehre – nicht nur im Guten. Deswegen wandte sich auch Amnesty International von ihm ab.
Die Welt kennt Nelson Mandela als jemanden, der den Lauf der modernen Geschichte für immer änderte und dessen Einfluss sicherlich noch lange nach seinem Tod am Donnerstag im Alter von 95 Jahren bestehen bleiben wird.
Doch Mandela war nicht perfekt. Oder wie er selbst einmal sagte: «Ich bin kein Heiliger. Es sei denn, man definiert einen Heiligen als Sünder, der immer weiter versucht, sich zu bessern.»
Was einer gewissen Ironie nicht entbehrt: Mandela, Sinnbild der friedvollen Aussöhnung, wurde Nelson Rolihlahla Mandela getauft – wobei «Rolihlahla» umgangssprachlich «Störenfried» heisst.
Auf US-Terrorliste bis 2008
Diesem Namen machte er alle Ehre: Bis 2008 stand er auf einer US-Liste für Terrorverdächtige. Denn in seinen jungen Jahren war Mandela Gründungsmitglied des militanten Flügels der Oppositionspartei ANC: Die «Umkhonto we Sizwe» («Schwert der Nation») oder MK war 1961 ins Leben gerufen worden, nachdem die Polizei ein Jahr zuvor ein Massaker in Sharpeville unter unbewaffneten schwarzen Zivilisten angerichtet hatte. «Wir kamen zum Schluss, dass Gewalt in unserem Land unumgänglich war», erklärte Mandela. «Es wäre unrealistisch und falsch, wenn die afrikanischen Führer weiterhin Frieden und Gewaltlosigkeit predigen würden, während unsere Regierung den friedlichen Protesten mit Gewalt begegnet.»
Mandela setzte sich unter anderem dafür, dass Verrätern der ANC-Bewegung die Nase abgeschnitten werden sollte.
Seine MK schreckte auch vor Bombenanschlägen auf öffentliche Orte wie Parks oder Einkaufszentren nicht zurück. Von der Regierung fortan als Terrorist gejagt - Mandela hatte sich in Algerien in Guerillataktiken ausbilden lassen - wurde er 1962 verhaftet. Zu Beginn der seiner Verhandlung hielt er eine Rede, die in die Geschichte eingehen sollte. Sie endete mit den Worten: «Ich halte das Ideal einer demokratischen und freien Gesellschaft hoch, in der alle Menschen harmonisch und gleichberechtigt zusammenleben. Es ist ein Ideal, für das ich zu leben hoffte und das ich erfüllt sehen wollte. Aber, mein Gott, wenn es sein muss, ist es ein Ideal, für das zu sterben ich bereit bin.»
Amnesty setzte sich nicht für ihn ein
Mandela sollte sich auch später nicht vom gewaltsamen Widerstand distanzieren. Deswegen verweigerte etwa Amnesty International 1965, sich für Mandela einzusetzen. «Wir können niemanden als politischen Häftling einstufen, der mit Gewalt assoziiert wird», hiess es in einem Bericht der Hilfsorganisation. Amnesty fordete entsprechend auch nie die Freilassung Mandelas. 2006 freilich wurde Mandeal von Amnesty dann als «Ambassador of Conscience» ausgezeichenet.
Als ihn der südafrikanischePräsident P.W. Botha 1985 unter der Bedingung, der Gewalt als legitimes Mittel abzuschwören, aus dem Gefängnis entlassen wollte, lehnte dieser ab. Die Regierung, so Mandelas Begründung, müsste erst selbst auf Gewalt gegen Schwarze verzichten. Eine Haltung, für die er weitere fünf Jahre im Gefängnis sitzen sollte.
Nach seiner Freilassung gab sich Mandela zwar tolerant, war es aber nicht immer. Trotz seiner freundlichen Ausstrahlung konnte er harsch sein. Als schwarze Journalisten ihn milde für seine Regierung kritisierten, stellte er sie kurzerhand als Strohmänner der Weissen hin, denen die Medien gehörten. Weisse, die sich beschwerten, wurden manchmal abgekanzelt als nur nach ihren Vorteilen Trachtende. Kritik an seiner Nähe zu umstrittenen Führern wie Fidel Castro oder Muammar al-Gaddafi wies Mandela mit dem Verweis ab, Unterstützer des Kampfes gegen die Apartheid werde er nicht fallenlassen.
Ein Mann, zwei Hymnen
Terrorist oder Freiheitskämpfer? Eine Frage, die bis heute debattiert wird. Unbestritten ist, dass es das heutige Südafrika ohne ihn nicht geben würde.
Er hält das Land bis heute auf vielfältige Weise zusammen. 2012 druckte die südafrikanische Notenbank Geldscheine mit seinem Konterfei. Büsten und Statuen schmücken Land und Gebäude, Plätze und andere Orte sind nach ihm benannt. An der katholischen Regina Mundi-Kirche in Soweto gibt es eine Glasmalerei, die Mandela mit hoch erhobenen Armen zeigt. Die Kirche diente während der Apartheid als bedeutendes politisches Versammlungszentrum. Die Fluglinie South African Airways ziert ihre Flugzeuge mit einem Bild seiner Silhouette.
Unvergessen bleibt, wie er während seiner Vereidigung zum Präsidenten 1994 mit der Hand am Herzen und salutiert von weissen Generälen zu zwei Hymnen sang: Zu jener aus der Apartheid-Ära in Afrikaans, «Die Stem» (Die Stimme), und zur neuen Hymne «Nkosi Sikelel' iAfrika» («Gott schütze Afrika»). (gux/sda)