Wer sind die Roma?

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Fall MariaWer sind die Roma?

Nach der Entdeckung der blonden Maria in einer Roma-Siedlung in Griechenland werden alte Vorurteile wach. Die Geschichte der Roma ist eine Geschichte der Ausgrenzung.

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Farsala, 280 Kilometer nördlich der griechischen Hauptstadt Athen. Die kleine Maria lag versteckt unter einer Decke, als die Polizei sie fand. Die Ordnungshüter waren vergangene Woche nicht zufällig in die verarmte Roma-Siedlung gekommen: Sie führten in Farsala gerade eine Drogen- und Waffen-Razzia durch, als ihnen das blonde und blauäugige Mädchen auffiel. Das Kind sah seinen angeblichen Eltern Hristos Salis und Eleftheria Dimopoulou überhaupt nicht ähnlich und passte auch sonst nicht ins Bild.

Weltweit – besonders in Europa – galt der Satz «Roma klauen Kinder» schon immer als Axiom. Seit die Roma vor 1000 Jahren aus Indien nach Europa kamen, sind sie Opfer von Diskriminierung und Vorurteilen. Der Fall Maria wird diese Situation sicher nicht verbessern. Der Einsatz mehrerer Menschenrechtsorganisationen, die seit Jahren die europäischen Regierungen auffordern, die soziale Deklassierung der Roma und ihre Ausgrenzung aus der Gesellschaft zu stoppen, dürfte damit – grob ausgedrückt – für die Katz sein.

Wie leben Roma heute?

Im 15. Jahrhundert wurden die Roma in Ungarn und Rumänien zu Sklaven gemacht. Während des Nazi-Regimes in Deutschland wurden Hunderttausende umgebracht, zwangssterilisiert oder bei medizinischen Menschenversuchen getötet, so dass sich ihre Bevölkerung europaweit um ein Viertel reduzierte. Dieser Genozid, «Porajmos» genannt, verlief parallel zum Holocaust, dem Völkermord an den Juden. Noch heute versuchen viele, vornehmlich am rechten Rand politisierende Parteien, die Kultur der Roma zu unterdrücken und das Volk aus dem gesellschaftlichen Alltag auszugrenzen.

Die systematische Marginalisierung der Roma lässt sich in Zahlen messen: 90 Prozent der Bevölkerung lebt nach Angaben der Agentur für Grundrechte der Europäischen Union unter der Armutsgrenze und einer von drei Roma ist arbeitslos. Sie leben in improvisierten Camps, weil sie nie Zugang zu Land hatten, meinen Menschenrechtsaktivisten. Heute noch werden ihnen faire Chancen bei Bildung, Behausung oder Arbeit verweigert.

Integrationswille wird in Frage gestellt

Laut Amnesty International werden Kinder schon im Grundschulalter diskriminiert. Besonders in der Slowakei und in Griechenland gebe es Fälle, wo Schulkinder nicht in Regelklassen unterrichtet werden, sondern in getrennten Schulzimmern, schreibt die Menschrechtsorganisation in einem neuen Bericht.

Der Integrationswillen der Roma wurde allerdings vor wenigen Wochen seitens des französischen Innenministers Manuel Valls in Frage gestellt. Während die Abschiebung einer kosovarischen Roma-Familie heiss debattiert wurde, meinte der sozialistische Minister, dass die Mehrheit der in Frankreich lebenden Roma «problematisch in Bezug auf die Beziehungen zur lokalen Bevölkerung» sei. «Wir müssen den Franzosen die Wahrheit erzählen. Dieses Volk hat eine Lebensweise, die sich von unsere sehr unterscheidet.»

Die illegalen Camps, die sich am Stadtrand von Marseille oder Paris bilden, sind laut Valls der Grund der hohen Kriminalitätsraten. Ausserdem, seien diese Siedlungen «ein grosses Gesundheitsrisiko».

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