Leben mit Panikattacken«Die Angst zu sterben war allgegenwärtig»
Als Martina Mutter wurde, bekam sie so starke Panikattacken, dass sie sich in ein Mutter-Kind-Heim begab. Sie erzählt, wie sie mit der krankhaften Angst umgeht.
Frau Zubler, danke, dass Sie sich sich bereit erklärt haben über Ihre psychische Erkrankung zu sprechen. Woran leiden Sie?
Ich habe Panikattacken. Die können sich bis zur Todesangst steigern. Das ist wie bei Tieren, die in Todesangst nur noch aus der Situation fliehen wollen. Wenn sie das nicht können, stellen sie sich tot.
Wie würde sich ein Mensch mit Panikattacken tot stellen?
Diese Person würde kollabieren und ohnmächtig werden. Das ist mir zum Glück noch nicht passiert.
Was löst Ihre Angstzustände aus?
Mein Körper. Wenn ich irgendwo Schmerz verspüre, denke ich, dass ich sterben werde. Tut mir zum Beispiel der Arm weh, bin ich sicher, es handelt sich um einen Herzinfarkt. Schmerzt mein Kopf, glaube ich an einen Hirnschlag. Kaum habe ich mich beruhigt, höre ich in mich hinein, um zu sehen, ob der Schmerz weg ist. Natürlich ist er das nie und die nächste Attacke baut sich auf. So reiht sich eine Panikattacke an die andere.
Wann merkten Sie, dass etwas nicht stimmt? Und was waren die Anzeichen?
Als mein erster Sohn geboren wurde. Die Angst, dass ich sterben und mein Kind ohne Mutter aufwachsen könnte, löste das alles aus. Ich hatte einen Notkaiserschnitt und danach über Wochen starke Schmerzen. Die Ärzte fanden keine Ursache und sagten, es sei alles in Ordnung. Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, gingen die Panikattacken richtig los. Ich spürte überall Schmerzen und war überzeugt, dass es sich um etwas Tödliches handelte. Ich konnte mich zwar um mein Kind kümmern, aber die Angst zu sterben war allgegenwärtig.
Was haben Sie dann getan?
Mein Hausarzt gab mir Medikamente, um die Wochen zu überstehen, bis ich zu einer Psychologin konnte. Die machten aber abhängig. Als mir bewusst wurde, dass ich süchtig werden konnte, setzte ich die Medikamente eigenhändig ab, was zu mehr Panikattacken führte. Als ich eine Therapie beginnen konnte, ging es mir sehr schlecht. Mein Partner und ich konnten keine Nacht mehr richtig schlafen. Schon einfachste Erledigungen wie Einkaufen überforderten mich und ich war kaum imstande, für mich und das Kind zu sorgen. Mein Mann ging morgens arbeiten und ich zu meiner Mutter, um nicht alleine zu sein. Da beschloss ich, dass mein Leben so nicht lebenswert war. Meine Therapeutin empfahl mir die Mutter-Kind-Station in der Klinik Affoltern. Dort werden Mütter aufgenommen, die unter psychischen Problemen leiden. Nach einem Besichtigungstermin entschloss ich mich, es zu versuchen. Immer mit dem Hintergedanken, dass ich wieder gehen kann, wenn ich mich nicht wohlfühle. Mein Säugling und ich verbrachten zwei Monate dort.
Möchten Sie von Ihrem Klinikaufenthalt erzählen?
Die Zeit in Affoltern tat mir sehr gut. Ich hatte Einzel- und Gruppentherapien und bekam Medikamente, die richtig auf meine Bedürfnisse dosiert waren. Ausserdem konnte ich mich an das Pflegepersonal wenden, wenn ich wieder Schmerzen spürte und in Panik geriet. Sie konnten mir versichern, dass es sich um nichts Bedrohliches handelt. Es tat mir auch gut, mit anderen erkrankten Frauen zusammen zu sein. So sah ich, dass ich nicht allein bin und es Mütter gibt, die es noch schlimmer getroffen hat.
Wie hat Ihre Krankheit Ihr Leben verändert?
Der Klinikaufenthalt ist nun rund zwei Jahre her und wir haben ein weiteres Kind. Ich habe meine Attacken so weit im Griff, dass ich sehr gut merke, wenn eine kommt. Dann muss ich sofort aus der Situation raus und etwas anderes machen. Ich muss akzeptieren, dass mich die Panikattacken vermutlich immer begleiten werden. Das macht mir zu schaffen. Ausserdem bin ich hyperaktiv geworden. Wenn ich etwas tue, kann ich mich nicht mit der Angst beschäftigen. Was mir sehr hilft, ist die psychiatrische Spitex, die einmal in der Woche vorbeikommt.
Was ist das genau?
Eine Psychatriefachfrau, die zu mir heimkommt. Für mich ist es wichtig, dass ich mit ihr reden kann und sie mir Fragen rund um meinen Gesundheitszustand und den meiner Kinder beantwortet. So kann ich aufkeimende Panikattacken beruhigen.
Wie geht Ihr Umfeld mit Ihrer Krankheit um?
Als das Ganze nach der Geburt anfing, stiess ich auf Unverständnis. Schliesslich darf man als frischgebackene Mutter nicht unglücklich sein. Alle sagen: «Was ist mit dir? Freu dich doch. Du bist Mutter geworden.» Dabei haben viele Frauen nach der Geburt psychische Probleme. Das machte meine Situation nicht einfacher. Heute gehe ich sehr offen mit meiner Krankheit um. Es ist mir ein Anliegen, dass man psychisch Kranke nicht als aussätzig oder gar gefährlich ansieht. Das sind Menschen wie andere auch.
Was möchten Sie anderen Lesern raten, die nun merken, dass Sie ebenfalls unter Panikattacken leiden könnten?
Suchen Sie sich Hilfe! Es ist wichtig, dass man sich nicht schämt oder Angst davor hat, zu einem Therapeuten zu gehen. Dafür sind diese Stellen schliesslich da. Und glauben Sie mir, es haben viel mehr Menschen Probleme mit der Psyche, als man meint.
Wenn Sie Fragen oder Feedback an Martina Zubler haben, können Sie dies an community@20minuten.ch schicken. Wichtig: Formulieren Sie Ihr Anliegen genau. Wir leiten ihr nur Mails weiter, die sich mit dem Thema Panikattacken oder dem Artikel befassen.
Mutter-Kind-Stationen: In der Schweiz gibt es zahlreiche Angebote für Mütter, die nach der Geburt an psychischen Problemen leiden. So werden die Kleinkinder während des Aufenthalts nicht von der Mutter getrennt. Behandlungen, wie auch die Betreuung und Beherbergung sind auf die Bedürfnisse von Müttern mit Kinder ausgerichtet. Eine Auflistung der Mu-Ki-Stationen in der Deutschschweiz finden Sie hier.
Panikstörungen gehören zur Gruppe der Angststörungen. Das Auftreten vereinzelter Panikattacken im Leben stellt noch keine Erkrankung dar. Erst wenn mehrere Attacken im Monat auftreten und eine «Angst vor der Angst» eintritt, spricht man von einer Panikstörung. Körperliche Symptome sind: Atemnot, Engegefühl in der Brust, Herzrasen, Zittern, Schweissausbrüche, Taubheitsgefühl und/oder Übelkeit.Psychisch leiden Betroffene unter Realitätsverlust, der Angst vor Kontrollverlust und der Angst zu sterben. Panikstörungen können sehr gut psychotherapeutisch und mit Hilfe von Antidepressiva behandelt werden.