So vergrault die Game-Industrie ihre Kunden

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Occasion-SpieleSo vergrault die Game-Industrie ihre Kunden

Sony hat eine Technologie patentieren lassen, die das Spielen von Second-Hand-Games unterbinden soll. Wie lange wollen sich die Kunden noch melken lassen, fragt sich unser Game-Redaktor.

Jan Graber
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Jan Graber
Aus für den Second-Hand-Handel? Sony will das Verkaufen von bereits gespielten Games verhindern.

Aus für den Second-Hand-Handel? Sony will das Verkaufen von bereits gespielten Games verhindern.

Kürzlich las ich einen Bericht, der mich ins Grübeln brachte. Demnach will Sony eine Technologie patentieren lassen, die den Weiterverkauf eines bereits gespielten Games unterbindet. Die Technologie verhindert den Start des Games, wenn es bereits auf einer anderen Konsole gespielt wurde.

Derzeit ist die Spielebranche eifrig damit beschäftigt, neue Technologien einzuführen, die kaum etwas mit der Weiterentwicklung von Spielen zu tun haben, sondern mit der Regelung und Kontrolle des Geldflusses. Zuvorderst DRM – Digital Rights Management.

Mit DRM soll zwar auch sichergestellt werden, dass die Urheberrechte der Entwickler besser geschützt sind. Vor allem aber geht es darum, möglichst viel Geld aus einem Game zu schlagen. Dazu muss kontrolliert werden, ob ein Gamer sein Spiel auch tatsächlich gekauft hat und es nicht als Raubkopie geladen hat.

Totale Kontrolle

Diese Kontrolle funktioniert am Einfachsten, wenn das Game eine ständige Online-Anbindung verlangt, um gespielt werden zu können. Praktiziert wurde dies bereits an «Diablo 3». Die gleichen Pläne bestehen für «SimCity», was in der «SimCity»-Community derzeit für Aufruhr sorgt. Totale Kontrolle zum Schutz vor Raubkopien: Wird hier nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet?

Die Technologie von Sony geht in eine ähnliche Richtung, und trotzdem einen Schritt weiter. Nicht nur will man die Kontrolle über das aktuell gespielte Game haben, sondern auch über die Zeit danach. Was bedeutet, dass ein Game im Besitz des ursprünglichen Käufers bleiben muss, egal ob er es noch braucht oder nicht.

Das Argument zur Rechtfertigung liegt auf der Hand: Der Käufer kauft nicht das Spiel selbst, sondern nur das Recht, es zu spielen. Mit dem Unterbinden des Second-Hand-Handels wird quasi impliziert, dass es sich beim Recht aufs Spielen nicht um ein veräusserlichtes Produkt handelt. Offen ist, ob sich dies rechtlich durchsetzen lässt.

Darf bald nichts mehr privat gehandelt werden?

Trotzdem: Dass die Industrie die Geldströme stärker kontrollieren will, ist nachvollziehbar. Die goldenen Jahre des Wachstums sind vorbei, die Gamebranche darbt und schreibt Verluste. Die Ursache wird aber nicht darin gesucht, dass die ewig gleichen Spiele einfach mit neuer Nummer dahinter erscheinen, sondern in der Bösartigkeit der Gamefans. Da die Gamebranche nicht mehr von einem Haufen experimentier- und risikofreudiger Garagenprogrammierer beherrscht wird, sondern von Managern und Financiers, wird nicht primär der Sinn kluger Investition in die Zukunft gesehen, sondern das Geld, das durch Raubkopien und Second-Hand-Handel verloren geht.

Als Gamer fühle ich mich von dieser Tendenz vor den Kopf gestossen: Ich werde nicht als mündiger Kunde wahrgenommen, sondern als Zitrone, die bis auf den letzten Tropfen ausgepresst werden kann. Dass ich ein Game nicht weiterverkaufen darf, für das ich teures Geld ausgegeben habe, kommt einer Entwertung gleich: Will man mir sagen, dass ich zwar bezahlen soll, mein Geld aber wertlos ist? Besteht der nächste Schritt darin, dass bald auch keine Filme auf DVD weiterverkauft werden dürfen? Und wie sieht es mit Autos aus, bei denen man ja auch das Recht erwirbt, mit einer Designidee durch die Strassen zu kurven?

Bitte mehr Mut zum Risiko

Das kleinkrämerische Denken erinnert mich an ein Wort, das die Briten für pingeliges Verhalten kennen: «anal», ausgesprochen «einl». Wegen dieses «analen» Verhaltens der Industrie fühle auch ich mich als Gamer verarscht. Ich wünsche mir von einer Branche, bei der es um Kreativität, Vision und Sinnlichkeit geht, weniger Kalkül dafür mehr Innovation – bessere Spiele, statt einer besseren Kontrolle über die Spieler; mehr Mut zum Risiko und weniger Angst um die Pfründe.

Was mich zu einer abschliessenden Frage bringt: Hat das Wort Analyse seinen Ursprung eigentlich auch in diesem britischen Wort?

Jan Graber…

… verschob die ersten Gamepixel mit «Space Invaders», «Leisure Suit Larry» und «King’s Quest»; mit «System Shock» und «Rebel Assault» entdeckte er sein Flair für Actiongames. Momentan zockt er «Far Cry 3», freut auf das nächste «Tomb Raider» und intelligentes Futter wie «Beyond Two Souls».

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