Schweizer werden zur Kasse gebeten

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Handy-TarifvergleichSchweizer werden zur Kasse gebeten

Hierzulande muss für Gespräche mit dem Handy tief in die Tasche gegriffen werden - ganz im Gegensatz zu Österreich. Dort telefoniert man je nach Abo siebenmal günstiger.

Manuel Bühlmann
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Manuel Bühlmann

In Österreich können Orange-Kunden mit dem Abonnement «Team Orange 25» zu äusserst günstigen Konditionen telefonieren. Im Grundpreis von 25 Euro sind 1000 Minuten ins österreichische Netz inklusive, egal, ob aufs Fest- oder Mobilfunknetz angerufen wird. Wer noch zehn Euro drauflegt, erhält zusätzlich 1000 SMS pro Monat. Und für weitere fünf Euro bekommt der Kunde 100 MB Datenvolumen für den mobilen Internet-Zugang. 1000 Minuten Telefonie, 1000 SMS und 100 MB Datenvolumen kosten zusammen also 40 Euro, was ungefähr 60.80 Franken entspricht.

Schweizer bezahlen bis zu sieben Mal so viel

«Hierzulande müssen die Kunden fürs Mobiltelefonieren viel zu viel bezahlen», ist Ralf Beyeler von comparis.ch überzeugt. Im Auftrag von 20 Minuten Online hat der Telekom-Experte berechnet, wie viel für die gleiche Leistung (1000 Minuten telefonieren, 1000 SMS und 100 MB Datentransfer) in der Schweiz bezahlt werden müsste. Die Differenz ist eklatant: «Wir haben für den Vergleich die jeweils günstigsten Abos der drei grossen Anbieter rausgepickt. Sunrise ist mehr als viermal so teuer wie das österreichische Orange-Angebot. Orange Schweiz würde für diese Dienstleistung mehr als sechsmal so viel verrechnen, die Swisscom sogar mehr als siebenmal so viel», enerviert sich Beyeler.

20 Minuten Online wollte von Orange und der Swisscom wissen, ob hierzulande fürs Mobiltelefonieren tatsächlich zu viel bezahlt werden muss. Die Frage ist einfach, die Antworten der Telekommunikations-Unternehmen umso verwirrender.

«Föderatives Baurecht und Asymmetrie der Terminierungsgebühren»

Orange-Pressesprecherin Therese Wenger betonte, dass «im Gegensatz zu den Nachbar- und EU-Ländern Orange in der Schweiz bei der Erbringung ihrer Dienstleistungen höhere Kosten entstehen, zum Beispiel durch komplexes, föderatives Baurechtsverfahren beim Netzausbau, zehnfach strengere Grenzwerte bei Mobilfunkanlagen, Anforderungen an die Netzqualität, die Topografie, massiv stärker vergünstigte Mobiltelefone und nicht den Marktanteilen entsprechende Asymmetrie der Terminierungsgebühren.» Berücksichtigt man die unterschiedlichen Voraussetzungen, würden also die Schweizer Mobilfunktarife im europäischen Durchschnitt liegen. Alles klar?

Werden hier Äpfel mit Birnen verglichen?

Auch von der Swisscom wollte 20 Minuten Online wissen, ob die Kunden nicht abgezockt werden. Mediensprecher Olaf Schulze stellt erst einmal klar: «Ausländische Vergleiche sind sehr schwierig und insbesondere fehlerhaft, wenn man nur einzelne Teilbereiche anschaut, wie hier die Mobilkommunikation.» Für die Swisscom steht wie auch für Orange ausser Frage, dass hierzulande Mobilfunkprodukte mit einem sehr guten Preis- Leistungs-Verhältnis angeboten werden.

Auf die Frage, wie sich denn der eklatante Preisunterschied erklären lasse, antwortet Schulze: «In Österreich ist der Markt sehr anders strukturiert als bei uns. Bei unseren Nachbarn sind eine recht hohe Ausprägung des Mobilfunkmarktes mit hohen Bandbreiten und zum Teil sehr günstigen Preisen zu sehen. In der Schweiz hingegen legen die Konsumenten ein sehr hohes Gewicht auf schnelle ADSL-Anbindungen und eine mobile Breitband-Ergänzung via HSPA.»

Alles Augenwischerei

Für Telekom-Experte Ralf Beyeler ist klar: «Eine Preisdifferenz von 700 Prozent lässt sich nicht rechtfertigen.» Er ist überzeugt, dass die Kosten sinken würden, wenn die Kunden preissensibler wären: «Schweizer wechseln ihr Abonnement und den Provider viel zu selten, die verschiedenen Anbieter kommen so nie in Zugzwang. Dagegen ist Österreich innerhalb von Europa einer der umstrittensten Märkte. Davon können die Kunden direkt profitieren.»

«Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser»

Seit Jahren sinken die Preise stetig, wenn auch langsam. Sowohl Swissom als auch Orange prophezeien, dass der Trend zu billigeren Angeboten anhalten wird: «Orange Schweiz wird ihre Tarife wie bisher auch weiterhin senken und mit segmentierten Angeboten den effektiven Bedürfnissen der Kundschaft entsprechen», versichert Therese Wenger. Und Olaf Schulze ergänzt: «Swisscom gibt ihren Kunden jährlich rund 400 Millionen Franken an Preisvorteilen weiter.» Alles wird also gut; 20 Minuten Online bleibt trotzdem dran.

Berechnungsgrundlage:

Unter diesen Voraussetzungen wurden die Angebote von comparis.ch berechnet:

- 400 Minuten Festnetz

(210.53 Anrufe)

- 300 Minuten Swisscom-Handynetz

(157.89 Anrufe)

- 100 Minuten Sunrise-Handynetz

(52.63 Anrufe)

- 100 Minuten Orange-Handynetz

(52.63 Anrufe)

- 100 Minuten ins eigene Handynetz

(52.63 Anrufe)

- 1000 SMS

- 100 MB Datenvolumen

Die Anzahl Anrufe ergibt sich aus der Anzahl Minuten : 1.9 (offizieller BAKOM-Wert)

Für die Berechnung wurden ausschliesslich Inland-Gespräche berücksichtigt.

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