«Can you hear me?»Senden Sie der NSA anonym eine Nachricht
Die Künstler Christoph Wachter und Mathias Jud haben auf der Schweizer Botschaft in Berlin Antennen installiert. Damit können lauschende Geheimdienste geneckt werden.
Eine Kunstaktion gegen die Totalüberwachung: Die Zürcher Künstler Christoph Wachter und Mathias Jud haben im Berliner Regierungsviertel Holztürme mit selbstgebauten Antennen aufgestellt. Auf engstem Raum befinden sich dort die US-Botschaft und die britische Botschaft. Von den jeweiligen Dächern aus sollen die Geheimdienste NSA und GCHQ im letzten Jahr unter anderem das Handy der Bundeskanzlerin Angela Merkel ausspioniert haben. Mit ihrer Aktion will das Schweizer Künstlerkollektiv den digitalen Raum im Viertel zurückerobern.
So entfaltet sich derzeit vom Dach der Schweizer Botschaft und der Akademie der Künste mithilfe von Büchsenantennen ein offenes und vom Internet unabhängiges WiFi-Netzwerk. Wer vor Ort ist, kann sich mit Smartphone, Tablet oder Computer in das Netz einwählen und anonym Botschaften übermitteln. Über das sogenannte Mesh-Netzwerk kann man etwa chatten, Dateien tauschen oder telefonieren.
«Die Botschaften sind anonym»
Wer sich in das Netzwerk einklinkt, wechselt von den überwachten IP-Adressen, WLAN-Zugängen,
Bewegungsprofilen und IMSI-Catchern in ein unabhängiges System mit eigenem Routing. «Jeder erhält zufällig eine IP-Adresse und man kann einen beliebigen Nick-Name wählen», sagt Jud. Somit gebe es keinen Provider, bei dem man nachfragen könnte, wem zu einem gewissen Zeitpunkt diese oder jene IP-Adresse gehörte. «Das Netz bietet so eine Anonymität unter Gleichberechtigten», schreiben die Künstler.
Überwachung lässt sich nicht abschalten
Bei der Aktion, die auch von der Stiftung Pro Helvetia unterstützt wird, geht es nicht um Provokation: Ziel sei es, an Stelle der geheimen Abhörung einen kollektiven Gesprächsraum zu schaffen, in dem alle gleichberechtigt sind. Zwar könne man die Überwachung nicht einfach anpeilen und abschalten, mit der Aktion sollen aber die Machtverhältnisse aufgezeigt werden.
Schon mehr als 10'000 Nachrichten wurden auf den abgehörten WLAN-Kanälen an die Späher der Geheimdienste NSA und GCHQ versandt. «Die persönlichen Statements reichen von aktivistischen und politischen Beiträgen über ironische Offenlegung peinlicher Intimität bis hin zu Aufrufen zum Widerstand», sagt Mathias Jud.
Die Botschaften können aber nicht nur vor Ort an NSA und GCHQ verschickt werden. Auf der Website der Künstler wurde ein Formular aufgeschaltet, mit dem alle ihre Botschaften übermitteln können. Die Büchsenantennen sind noch bis zum 14. Dezember auf den Berliner Dächern aufgebaut.
Erfahrung in Syrien und der Türkei
Die eigens aufgebauten Netzwerke von Wachter und Jud haben sich bereits bei iranischen, nordafrikanischen, tibetischen und türkischen Aktivisten bewährt: So bauten die Zürcher Künstler im März 2014 auch in der Türkei ein Netz aus Dosenantennen. Damit konnten Nutzer die Internet-Zensur im Land umgehen. Auf ein Mesh-Netzwerk setzten auch die Demonstranten in Hongkong. Sie nutzten die Messenger-App Firechat, die kein Handynetz benötigt, um zu funktionieren.