Windows 8 solls richtenSteve Ballmer ist zum Erfolg verdammt
Der Microsoft-Boss steht mit dem Rücken zur Wand: Wenn das von Grund auf überholte Windows 8 floppt, wird es für ihn und den Softwaregiganten eng. Doch Ballmer hat noch ein Ass im Ärmel.
2012 ist das wohl wichtigste Jahr in der 37-jährigen Firmengeschichte von Microsoft. Auf rund 1,5 Milliarden PCs weltweit läuft Microsofts Windows als Betriebssystem. Alleine in der Schweiz ist Windows auf rund 7 Millionen Geräten installiert. Damit hält der Konzern hierzulande einen Marktanteil von mindestens 85 Prozent. Zum Vergleich: Apples iPad haben erst rund 300 000 Schweizer. Der Mac ist gegen den PC seit Jahren chancenlos. Sollte das runderneuerte Betriebssystem Windows 8 die Konsumenten aber nicht überzeugen, wird sich der Eindruck verstärken, dass der Konzern mit seinen Konkurrenten Apple, Google und Amazon nicht mithalten kann.
Wenn Ballmer aber Erfolg hat, dann hat Microsoft gezeigt, dass der grösste Softwarehersteller der Welt immer noch die Zukunft der Computerindustrie entscheidend beeinflussen kann. Am Donnerstag wurde Windows 8 vorgestellt, ab heute Freitag ist es im Handel.
«Das wird ein entscheidender Moment», sagte der Analyst Patrick Moorhead von Moor Insights & Strategy. Ballmers Vermächtnis werde danach bewertet, was er mit Windows 8 erreiche. «Wenn Windows 8 kein Erfolg ist, werden viele Menschen erwarten, dass Microsoft personelle Veränderungen vornimmt.»
Marketing-Kampagne von einer Milliarde Dollar
Ballmer betrachtet Windows 8 als Katalysator für eine neue Ära bei Microsoft. Das neue Betriebssystem soll sicherstellen, dass der Konzern eine wesentliche Rolle auf allen Bildschirmen im Leben der Menschen spielt: PCs, Smartphones, Tablets und Fernseher. «Wir versuchen, die Welt mit Windows 8 von Grund auf neu zu denken», sagte Ballmer der Zeitung «The Seattle Times».
Begleitet wird die Einführung des neuen Betriebssystems von einer Marketing-Kampagne im Umfang von geschätzt einer Milliarde Dollar - ein weiterer Hinweis darauf, wie wichtig Windows 8 für die Zukunft des Konzerns ist.
Ballmer muss punkten, schliesslich wurde er während seiner fast 13 Jahre als Chef ständig von Apple und Google ausgestochen. Während seiner Zeit an der Spitze von Microsoft verlor das Unternehmen fast die Hälfte seines Wertes, mehr als 200 Milliarden Dollar Aktienvermögen gingen verloren.
Der Verwaltungsrat hat bisher öffentlich keine Zweifel an Ballmer erkennen lassen. Der Microsoft-Chef ist mit einem Anteil von vier Prozent zweitgrösster Anteilseigner von Microsoft. Der Anteil hat einen Wert von etwa neun Milliarden Dollar. Nur seinem Freund und Vorgänger, Microsoft-Gründer Bill Gates, gehören mehr Anteile (5,5 Prozent).
Erfolge und teure Fehlschläge
Seit Ballmer im Januar 2000 Gates nachfolgte, hat sich Microsofts jährlicher Umsatz auf 74 Milliarden Dollar fast vervierfacht. Mit der beliebten Xbox 360 erschloss sich der Konzern den lukrativen Markt der Spielkonsolen.
Gleichzeitig reagierte Microsoft aber nur langsam auf technologische Veränderungen und leistete sich einige teure Fehler. Zu den bekanntesten gehören sicherlich der Versuch, dem iPod mit dem Zune Konkurrenz zu machen, und die milliardenteure Übernahme des Internet-Werbedienstes aQuantive.
Mit Windows 8 soll das anders werden. Aber die Frage bleibt, ob das System innovativ genug ist, um Konsumenten zu beeindrucken, die sich immer stärker für Smartphones und Tablets begeistern. Diese mobilen Geräte setzten neue Standards, während die Microsoft-Ingenieure in den vergangenen zwei Jahren das neue Betriebssystem entwickelten.
Windows 8 muss nun nicht nur die Veränderungen auf dem Computermarkt seit der Einführung von Windows 7 im Jahr 2009 widerspiegeln, sondern auch flexibel genug für künftige technologische Veränderungen sein. Eine neue Version wird der Konzern schliesslich erst in zwei oder drei Jahren auf den Markt bringen.
Konkurrenz nicht ernst genommen
Die Bedrohung durch die Konkurrenz hatte Ballmer zunächst nicht ernst genommen. Er hatte Google in seinen Anfangsjahren als Konzern mit nur einem Produkt bezeichnet und 2007 gesagt: «Es besteht keine Chance, dass das iPhone einen bedeutenden Marktanteil bekommt.» Er lag bekanntlich mit beiden Aussagen falsch.
In New York feierte Ballmer am Donnerstag die Einführung des wichtigsten Produkts seiner Karriere. Die Kundenreaktion auf Windows 8 entscheidet vielleicht darüber, ob das neue Betriebssystem den Beginn seiner Rehabilitation markiert oder sein Ende im Rampenlicht. Ein Ass hat Ballmer aber noch im Ärmel: Bereits am Montag präsentiert Microsoft das mobile Betriebssystem Windows Phone 8 für Smartphones von Nokia, Samsung und HTC. Behalten die Marktforscher mit ihren Prognosen recht, könnte das neue Windows Phone 8 Apples iOS in wenigen Jahren überholen.
So demonstrierte Microsoft das neue Betriebssystem am Zürich Hauptbahnhof:
(Quelle: snacktv)
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Die Geschichte von Windows
Auf rund 90 Prozent der schätzungsweise 1,5 Milliarden PCs weltweit läuft Microsofts Windows als Betriebssystem. Nachfolgend eine Auflistung der wichtigsten Programm-Versionen auf dem Weg zu dieser Dominanz:
Windows 1.0: Der Urahn des inzwischen meistgenutzten PC- Betriebssystems kam im November 1985 auf den Markt. Damals war Microsoft noch ein Aussenseiter, während der Platzhirsch IBM und der Aufsteiger Apple den Kampf um den PC-Markt auszufechten schienen. Anfangs arbeitete sich Windows nur mühsam ins Geschäft - denn Microsoft verzichtete zunächst angesichts eines jahrelangen Patentstreits mit Apple auf grafische Bedienungselemente.
Windows 3.1: Mit dieser Version lernte Windows 1992, Videos abzuspielen, bekam die ersten integrierten Spiele und neue Schriften. Die Grundansicht mit den überlappenden Fenstern und einem Desktop für Programmsymbole blieb - mit einigen Design-Änderungen - lange erhalten.
Windows NT: Parallel zu den Verbraucher-Versionen von Windows entwickelte Microsoft nach dem Scheitern des OS/2-Projektes mit IBM eine Windows-Version mit einem neuen Programm-Kern (»Windows New Technology»). NT wurde als Windows 2000 fortgeführt und ging später in Windows XP auf.
Windows 95: Die radikale Erneuerung von 1995 brachte in Grundzügen das Windows, das heute praktisch jeder kennt. Unter anderem wurde der «Start»-Knopf mit dem Balken am unteren Bildschirmrand eingeführt. Nachdem nachträglich der Web-Browser Internet Explorer zum Windows-Grundpaket hinzugefügt wurde, setzte sich Microsoft zum Ärger der Wettbewerbsbehörden in diesem Bereich gegen den Pionier Netscape durch. Auf Windows 95 folgten die kleineren Aktualisierungen Windows 98 und Windows ME.
Windows XP: 2001 brachte Microsoft die bisher langlebigste Version seines Betriebssystems auf den Markt, die immer noch auf vielen Rechnern läuft. Mit Windows XP wurden viele visuelle Effekte hinzugefügt sowie wichtige Funktionen wie etwa schneller Benutzerwechsel, eine integrierte Firewall für mehr Sicherheit und verbesserte Medienwiedergabe.
Windows Vista: Das Betriebssystem sollte 2007 XP ablösen, wurde von den Nutzern aber weitgehend ignoriert. Windows Vista bot zwar neue Bildschirmansichten, aber eine für viele Nutzer verwirrende Rechteverwaltung für Benutzerkonten. Erst mit der Vorstellung von Windows 7 im Oktober 2009 konnte Microsoft die Anwender wieder überzeugen. (sda)