Game-Abzocke am TVWaperlapapp - der Gratis-Humbug des SF
Das Schweizer Fernsehen setzt bei Wettbewerben auf die Uralttechnologie WAP. Eine Farce. Die Teilnehmer werden so zum kostenpflichtigen Anruf verleitet.
«Gewinnen Sie 5000 Franken», verspricht SF-Moderator Sven Epiney dem Publikum in der täglichen Spiel-Show «5GEGEN5». Damit möglichst viele Zuschauer zum Hörer greifen und beim Sender die Kassen klingeln, stellen die Fragen definitiv keine unlösbare Aufgabe dar. Epiney will beispielsweise wissen, ob man für den grossen Lotto-Gewinn Glück oder Geschicklichkeit brauche. «Ein Anruf kostet 80 Rappen», erklärt der Moderator. Und weil das Lotteriegesetz für Gewinnspiele eine kostenlose Teilnahmemöglichkeit vorschreibt, geht es auch gratis per WAP (siehe Kasten).
Dass WAP kaum jemand kennt und der Dienst für Herr und Frau Schweizer ein Buch mit sieben Siegeln ist, kümmert das Schweizer Fernsehen nicht. In zahlreichen Unterhaltungssendungen kommt die Technologie aus dem letzten Jahrhundert als Gratis-Teilnahmeoption zum Einsatz. Der Verdacht liegt nahe, dass die Zuschauer mit der Einblendung der unbekannten WAP-Adresse – etwa wap.1gegen100.sf.tv – abgeschreckt und zum Wählen der kostenpflichtigen 0901-Nummer verleitet werden sollen. «Das SF bietet extra WAP an, um die Gratis-Teilnahme kompliziert zu machen», sagt Telekom-Experte Ralf Beyeler vom Vergleichsdienst comparis.ch.
«WAP ist publikumsfreundlich»
Illegal ist dies nicht. Das SF stützt sich auf ein konsumentenfeindliches Urteil des Bundesgerichts aus dem Jahre 2006. Die Richter anerkannten damals WAP als Gratis-Teilnahmemöglichkeit bei Gewinnspielen.
Beim SF ist man überzeugt, dass WAP eine publikumsfreundliche Gratisteilnahme-Möglichkeit ist. «Naturgemäss liegt beim Fernsehen das Mobiltelefon näher als der Computer», sagt ein Mediensprecher auf Anfrage. Die Teilnahme über die mobile Internetseite (WAP) sei daher so einfach und schnell wie ein Anruf. Was man beim SF nicht sagt: Greift der Zuschauer zum Hörer, gehen von den 80 Rappen pro Anruf rund 64 Rappen an das Schweizer Fernsehen beziehungsweise dessen Dienstleistungsfirma, wie Telekom-Experte Beyeler schätzt.
Ein anderer Branchen-Insider, der seinen Namen nicht in den Medien lesen will, schätzt den Anteil der Einnahmen für das SF auf rund 70 Prozent. Geht man davon aus, dass über die Hälfte der Einnahmen beim SF bleibt, läppert sich über das Jahr ein stolzes Sümmchen zusammen. Der Branchen-Kenner geht in einer konservativen Schätzung von mindestens einer halben Million Franken aus. Es könnte auch deutlich mehr sein. Schliesslich wird inzwischen in beinahe jeder Unterhaltungs- oder Sportsendung mehrfach zum Mitmachen bei Gewinnspielen aufgerufen.
Digital-Experten scheitern an der Wap-Aufgabe kläglich
20 Minuten Online versuchte erstmals vor einigen Wochen, mit mehreren Mobiltelefonen per WAP an einem SF-Gewinnspiel teilzunehmen. Tests der Digital-Redaktion mit einem iPhone 4, einem Sony Ericsson Arc und einem gut zwei Jahre alten Nokia-Handy scheiterten zuerst kläglich. Alle Versuche, das WAP-Formular abzusenden, endeten mit einer Fehlermeldung. Lediglich mit einem einfachen, ein Jahr alten Samsung-Handy klappte das Absenden des WAP-Formulars einwandfrei.
Kurze Zeit nach einer ersten Anfrage zum Thema beim Schweizer Fernsehen liefen die WAP-Formulare auf sämtlichen getesteten Mobiltelefonen. Auf Nachfrage teilte das SF mit, dass die Teilnahme per WAP für Smartphones wie das iPhone bereits vor etwa eineinhalb Jahren weiterentwickelt worden sei. Verschiedene Berichte im Internet deuten aber darauf hin, dass die Teilnahme an WAP-Gewinnspielen mindestens bis Mitte 2010 nicht mit allen modernen Mobiltelefonen funktioniert hatte. Klar ist: Inzwischen lassen sich die WAP-Adressen der SF-Gewinnspiele wie normale Webseiten mit den meisten Handy-Webbrowsern aufrufen. Wissen tun dies die allerwenigsten. Zur Erinnerung: Das Durchschnittsalter der SF-Zuschauer liegt in den meisten Sendungen weit über sechzig. Es ist also nicht von Digital Natives auszugehen, die technische Hürden leicht umschiffen.
Wie viele Zuschauer per Gratis-WAP an Gewinnspielen teilnehmen und wie viele die kostenpflichtige Rufnummer wählen, will das SF nicht sagen. Ein Branchen-Kenner schätzt den Anteil der WAP-Teilnehmer auf höchstens 15 bis 20 Prozent. Laut ihm dürften insgesamt 5000 bis 10 000 Teilnahmen pro Sendung eingehen.
Weit mehr Wettbewerbsteilnehmer würden vermutlich die Gratis-Möglichkeit nutzen, wenn statt der WAP-Adresse eine herkömmliche WWW-Adresse eingeblendet würde. Beim Schweizer Fernsehen sieht man dies anders: «WAP hat sich in der Schweiz als gesetzlich anerkannte Form der Gratis-Teilnahme etabliert», sagt der Mediensprecher.
Konsumentenschützer: «WAP ist problematisch»
Eine Einschätzung, die Sara Stalder von der Stiftung für Konsumentenschutz SKS nicht teilt: «WAP ist aus Sicht der SKS keine etablierte Technologie, da sie sich bei den Handy-Nutzern nie durchsetzen konnte.» Und weiter: «WAP als Gratis-Teilnahme ist problematisch. Das SF sollte eine gebräuchliche Gratis-Option anbieten wie zum Beispiel eine normale Webseite.» Manuel Richard von der Lotterie- und Wettkommission Comlot doppelt nach: «Es ist bedauerlich, dass Veranstalter von Wettbewerben die kostenlose Teilnahmemöglichkeit oft ausschliesslich via WAP zur Verfügung stellen.»
SF hält an WAP fest
Beim Schweizer Fernsehen hält man die Verwendung einer anderen Adresse als WAP für «denkbar», will aber anscheinend an der Praxis festhalten. Die Begründung: «WAP-Seiten können in der Regel nur über Mobiltelefone angewählt werden, womit Manipulationsversuche weit schwieriger werden als bei WWW-Adressen, die auch über Computer erreichbar und somit schlechter zu schützen sind.» WAP sei zudem viel billiger als etwa eine mit 85 Rappen frankierte Postkarte, die vom Gesetzgeber ebenfalls als Gratis-Teilnahmemöglichkeit toleriert wird.
Vorderhand wird das eigentlich längst tote WAP bei SF wohl weiterleben. Der zuständigen Überwachungskommission Comlot sind die Hände gebunden: «Mangels rechtlicher Instrumente, zum Beispiel einem Beschwerderecht, können wir an der aktuellen Rechtssituation nichts ändern», lautet das für Konsumenten enttäuschende Verdikt.
Spielen Sie bei den SF-Gewinnspielen mit? Machen Sie von der Teilnahme per WAP gebrauch? Haben Sie als WAP-Teilnehmer etwas gewonnen? Schreiben Sie uns eine E-Mail: digital@20minuten.ch
Was ist eigentlich WAP?
Beim Wireles Application Protocol, von Spöttern früher auch als wait and pay (warte und bezahle) bezeichnet, handelt es sich um eine veraltete Technologie, die Internetseiten für die kleinen Displays der Handys und die langsamere Übertragungsrate im Mobilfunk verfügbar macht. Die Handy- und Mobilfunkfirmen versuchten den Kunden bereits um die Jahrtausendwende das Surfen im Internet mit dem Natel schmackhaft zu machen. Überteuerte Preise und die umständliche Bedienung verhinderten den Siegeszug.
Spätestens seit dem Smartphone-Zeitalter ist WAP praktisch tot. Kaum einem iPhone-User dürfte bewusst sein, dass sein Gerät WAP unterstützt. Wer es dennoch weiss, nutzt den WAP-Dienst aufgrund seines schlechten Images vermutlich nicht.