Schon gewusst?Schweizer Bio-Gemüse kommt aus Marokko
Vegis mochten noch gelacht haben, als in der Lasagne Pferdefleisch entdeckt wurde. Jetzt hat aber auch die Gemüseabteilung ihren Skandal: Fast alles Schweizer Gemüse wird im Ausland gross.

Eine Lauch-Plantage der holländischen Firma Lenders in Marokko. Die Firma beliefert auch Schweizer Firmen.
Mit dem Slogan «Aus der Region, für die Region» wirbt ein Schweizer Grossverteiler für seine Lebensmittel. Doch trotz dem Vermerk auf die einheimische Herkunft auf der Verpackung kommen Tomaten, Lauch und Gurken ursprünglich aus dem Ausland – und das ganze erst noch amtlich bewilligt, ein Etikettenschwindel liegt nicht vor.
Die Pflanzen gedeihen auf Plantagen im Ausland und werden als Setzlinge in die Schweiz gebracht, wo sie von Bauern gewissermassen adoptiert werden: gehegt und gepflegt, grossgezogen und geerntet. Das genügt, um den Stempel «swiss made» zu erhalten. Gemäss einer Verordnung gelten pflanzliche Erzeugnisse bereits dann als vollständig in der Schweiz produziert, wenn sie bloss in der Schweiz geerntet worden sind. Das Gütesiegel «Suisse Garantie» erhält importiertes Saat- und Pflanzengut, wenn mindestens 80 Prozent des Zuwachses des Ernteguts in der Schweiz entstehen. Das ist fast kein Problem: Bringt ein Setzling bloss ein paar Gramm auf die Waage, so wiegt ein erntereifer Kopfsalat mehrere hundert Gramm.
«Ohne ausländische Jungpflanzen kein Schweizer Gemüse»
Der «SonntagsBlick» hat unter anderem eine Plantage in Nordafrika besucht, auf der Lauch- und Tomatensetzlinge für Schweizer Gemüseproduzenten gezogen werden. «Die ersten Bio-Lauch-Setzlinge der Saison stammen aus Marokko, hergestellt auf afrikanischen Bio-Betrieben», sagt Stephan Jaun, Sprecher des Dachverbands Bio Suisse. Hierzulande wäre es gemäss ihm nicht möglich, die Setzlinge so früh zu ziehen.
Bis das Gemüse als Schweizer Lauch in den Gestellen von Migros und Coop landet, hat es einen weiten Weg hinter sich. Rund drei Monate lang stecken die Pflanzen in afrikanischen Böden. Mittels Lastwagen gelangen sie in die Schweiz, wo sie von Gemüsebauern in die Erde gelegt werden.
Doch Marokko ist längst nicht alleine: Beinahe das gesamte konventionelle Gemüsesortiment in der Schweiz entwächst laut «SonntagsBlick» fremden Keimlingen. «Ohne ausländische Jungpflanzen würde in der Schweiz kein Gemüse wachsen», macht Franz Krifter klar, der Geschäftsführer der Firma Hawalo Swiss. Die Firma handelt mit Setzlingen aus Holland, Portugal, Frankreich und Marokko.
Kritik von Konsumentenschützerin
Die Methode ist weder neu, noch illegal. Doch bekannt dürfte der Sachverhalt den Wenigsten sein. Begründet wird er damit, dass die Setzlingsproduktion in der Schweiz nicht rentiere. «Konsumenten akzeptieren ein Produkt als Schweizer Produkt und die Verwendung des Schweizerkreuzes, wenn die 80-Prozent-Grenze eingehalten ist», glaubt Urs Schneider, der Präsident von Agro-Marketing Suisse. Ein Problem für die Marke «Suisse Garantie» sieht er nicht.
Sara Stalder von Stiftung für Konsumentenschutz fordert dagegen, dass Konsumenten darüber aufgeklärt werden müssten, woher ihr Gemüse kommt. Generell findet es Stalder «absurd, Lebensmittel durch ganz Europa zu transportieren.»
Ökologisch schneiden Setzlinge aus Marokko eher besser ab als schweizerische. Zwar benötigt der 40-Tönner für eine Fahrt rund 1000 Liter Diesel. Dafür müsste in der Schweiz ein Gewächshaus beheizt werden, während dies im sonnigen Marokko nicht nötig ist. Zudem spielt schlicht und einfach der Markt: Wenn der Konsument jederzeit frische, einheimische Bio-Tomaten verlangt, dann bieten die Läden dies an – wo eine Nachfrage, da ein Angebot.