Die Flugmeilen-Junkies

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Wettrennen um die WeltDie Flugmeilen-Junkies

Sie sammeln Vielflieger-Meilen wie andere Cumulus-Punkte, fahren mit dem Porsche bis zum Jet und verbringen 9 von 14 Ferientagen in der First Class. Ein Mitglied des exklusiven Zirkels packt aus.

Adrian Müller
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Adrian Müller

Es sind die Könige der Lüfte: Schätzungsweise 2000 bis 4000 Passagiere gehören dem HON-Circle von Swiss, Lufthansa, Austrian und Lot an, dem exklusivsten Club der Vielflieger. Dazu gehören etwa Unternehmensberater von McKinsey, die mehr Zeit in der Luft als am Boden verbringen, Ingenieure, Promis ... und Leute wie du und ich, die das Meilensammeln zu ihrer Passion gemacht haben.

Einer davon ist der 52-jährige Wolfgang Riegert. Manchmal sitzt er nächtelang vor dem Laptop und durchforscht das Web. Sein Ziel: Besonders günstige Flüge mit maximaler Meilenausbeute zu finden. Kürzlich etwa flog er laut «Spiegel», «wie es sich für einen richtigen Meilensammler gehört», von New York über Miami und Zürich zurück nach Stuttgart.

Die verrückteste Route des Lebens

«Früher trat ich Flüge extra im Ausland an, um zusätzliche Meilen zu sammeln. Direktflüge sind meilentechnisch ungünstig. Denn je mehr Umwege man einbaut, desto mehr Meilen gibt es», sagt der Projektleiter bei vornesitzen.de.

Als seine verrückteste Reiseroute bezeichnet er gegenüber 20 Minuten Online einen Trip von Bangkok nach Cancun: «Wir flogen – selbstverständlich in der First Class – von Bangkok über Hongkong nach Singapur. Dann via Seoul nach Los Angeles und von dort über Phoenix nach Cancun. Zurück ging es via Tokio.» 9 von 14 Reisetagen sei er mit seinem Vielflieger-Kollegen im Flugzeug gesessen – und habe für all die Flüge 90 000 Meilen «verdient», aber nur 3200 Euro bezahlt - ein Bruchteil des eigentlichen Ticketpreises.

Nicht zuletzt dank solchen Marathon-Trips hat er im HON-Zirkel Anschluss gefunden, wo 600 000 Meilen in zwei Jahren Aufnahmebedingung sind – das entspricht etwa 20 Retourflügen Zürich-San Francisco in der Business Class. «Am meisten schätze ich daran, dass man als HON etwa in Asien vielerorts schneller durch die Passkontrolle kommt», so Riegert.

Mit dem Porsche zur Flugzeugtüre

Daneben zeichnet sich der HON-Service durch eine persönliche Begrüssung im Flugzeug, spezielle Lounges sowie einen Limousinen-Fahrdienst aus. «Es macht Spass, im Porsche zum Flugzeug chauffiert zu werden», verrät der Projektleiter aus Kempten. Seine Lieblingsairline ist die Swiss, vor allem wegen der aufgemöbelten Business Class. «Auf den neuen Sitzen schläft man viel besser. Zudem kümmern sich die Stewardessen immer persönlich um mich.»

Ab und zu bringt aber eine HON-Karte auch immaterielle Vorteile: Es kann schon vorkommen, dass ein Flugzeug extra auf ein verspätetes HON-Member wartet. Falls das Flugzeug trotzdem wegfliegt, können sich die Passagiere in den Luxus-Lounges die Zeit vertreiben. Nichts lieber als das: «Ich kenne Leute, die bereits frühmorgens in die Lounge kommen, obwohl ihr Flug erst am Abend geht», so Riegert. Zwischen Rindsfilet und Nackenmassage trifft er immer wieder auf alte Bekannte und plant mit ihnen den nächsten Trip: «Da sind schon die verrücktesten Ideen entstanden».

Die Jagd nach dem grössten Meilen-Konto treibt bei den Vielfliegern manchmal seltsame Blüten: «Das Meilensammeln kann in der Tat zu einer Sucht werden. Es gibt Kunden, die mehrere Millionen Meilen auf ihrem Konto haben»

Meilen sammeln als Suchtfaktor

Meilen-Junkies hin oder her: Die Anziehungskraft des HON-Circles ist ungebrochen. In der Schweiz sind eine Million Swiss-Kunden Mitglied bei dem Vielfliegerprogramm. Wie viele Schweizer zu dem erlesenen HON-Zirkel gehören, gibt die Airline auf Anfrage von 20 Minuten Online nicht bekannt.

Für Normalsterbliche bleibt der Zugang trotz Meilen-Tricks sehr schwer. «Es ist sicher nicht das billigste Hobby», gibt Riegert unumwunden zu. Und auch nicht das umweltfreundlichste: Pro Kopf verursachen Reisende in der Business und First Class einen massiv höheren CO2-Austoss als Economy-Passagiere. Dies kümmert die Flugmeilen-Jäger kaum. Auf Vielflieger-Foren gibt es haufenweise Tipps, wie man besonders rasch und günstig einen HON-Status erlangt.

Einige treiben es aber mit dem Drang nach HON-Status zu bunt: In einem Vielflieger-Forum meinte etwa ein Passagier: «Da ich mich für den Erwerb der HON-Karte stark verschuldet habe, kann ich mir derzeit leider keine Flugtickets leisten. Und so wie es aussieht, kann man die meisten HON-Vorteile nur nutzen, wenn man auch oft fliegt. Schon irgendwie blöd, finde ich, denn mich interessieren vor allem das Essen und die Bar.»

Stichwort Vielfliegerprogramme

Mit Vielfliegerprogrammen können die Passagiere auf Flügen Meilen sammeln, die sie je nach Kontostand in Upgrades in die Business/First-Class, Hotelaufenthalte oder Sachprämien wie ein Paar Socken einlösen können. Weltweit sind rund 180 Millionen Menschen Mitglied eines Meilenprogramms, in der Schweiz sind alleine bei Miles & More der Swiss eine Millionen Leute angemeldet.

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