BerufswahlLehrstellen mit Seltenheitswert
Jugendliche, die eine Lehre in einem Kleinstberuf absolvieren, werden zu gefragten Fachkräften. Das birgt aber auch Risiken.
David Gilligan ist der einzige Bierkutscher-Lehrling der Schweiz.
In der Schweiz gibt es rund 230 Berufe mit Grundausbildung. Ein Drittel davon zählt zu den Kleinstberufen – solche Berufe also, bei denen es weniger als 100 Lernende über alle Lehrjahre hinweg gibt. Besonders oft sind das traditionelle Handwerksberufe. Lehrstellen als Weintechnologen beispielsweise gibt es in der Schweiz rund 30 pro Jahr. Den Beruf als Seilbahn-Mechatroniker können ebenfalls rund 30 Jugendliche pro Jahr erlernen. Wer sich für den Beruf als Steinmetz interessiert, hat noch weniger Auswahl: Pro Jahr werden in dieser Branche rund 10 Lehrstellen besetzt (mehr seltene Berufe in der Bildstrecke).
Trotz ihres Seltenheitswerts ist die Stellensuche bei solchen Lehrberufen nicht schwieriger als bei anderen: «Es gibt zwar weniger Angebote, doch es gibt auch weniger Interessenten», sagt Stefan Krucker, Chefredaktor von «Panorama», der Fachzeitschrift für Berufsbildung. Das gelte auch für die Stellensuche nach der Lehre: «Es muss keineswegs so sein, dass Ausgebildete nach der Lehre keinen Job finden», so Krucker. Im Gegenteil: «Man wird zu einer gefragten Fachkraft», ist auch Urs Casty, Geschäftsführer der Lehrstellenplattform Yousty.ch, überzeugt.
Begrenzte Möglichkeit zur Aus- und Weiterbildung
Aber es gibt natürlich auch Einschränkungen, die berücksichtigt werden sollten, wenn man sich für einen seltenen Lehrberuf entscheidet: «Die Jugendlichen müssen sehr mobil sein», so Krucker. Oft gibt es beispielsweise nur eine Berufsfachschulklasse pro Jahr. Da kann es schon mal sein, dass Lehrlinge durch die halbe Schweiz reisen müssen, um einen Ausbildungskurs zu besuchen. Auch bei der Stellensuche müsse man flexibel sein und dazu bereit sein, den Wohnort zu wechseln.
Die begrenzten Weiterbildungsmöglichkeiten müssen bei der Berufswahl ebenfalls berücksichtigt werden. «Tendenziell bestehen zwar schnellere Aufstiegsmöglichkeiten und daher auch schnell mehr Lohn – dafür mangelt es oft an Weiterbildungsangeboten», so Casty. Und: Es besteht die Gefahr, dass der Beruf abgeschafft wird. «Darum ist es sehr wichtig, dass man sich im Vorfeld gut informiert.»
Entscheidend sind Interesse und Talent
Trotzdem sind sich beide Berufsbildungs-Experten einig: Einen seltenen Beruf zu erlernen, ist kein Nachteil. «Entscheidend für die Berufswahl sind die Interessen und Talente eines Jugendlichen», so Krucker. Wer seine Sache gut mache, werde in einem seltenen Beruf zu einem gefragten Spezialisten mit wenig Konkurrenz.