Chancengleichheit«Wir Frauen sind an tiefen Löhnen selbst schuld»
Frauen verdienen für die gleiche Tätigkeit einen Fünftel weniger als Männer. Laut Isabell Rüdt* verkaufen sich Frauen oft unter ihrem Wert.
Wie erklären Sie sich den grossen Lohnunterschied?
Isabell Rüdt: Laut Statistik sind 60 Prozent der Lohndifferenz begründbar, etwa durch Zusatzqualifikationen. Die restlichen 40 Prozent Differenz sind nicht erklärbar und deshalb diskriminierend.
Haben Sie ein Beispiel?
Häufig müssen Frauen nach dem Mutterschaftsurlaub zu einem tieferen Lohn arbeiten. Mutter werden gilt nicht als Erfahrungszuwachs, sondern als Absenz vom Arbeitsmarkt. Sehr oft sind auch die Einstiegslöhne tiefer als jene der Männer.
Warum wehren sich Frauen nicht für den gleichen Anfangslohn?
Viele Frauen haben Hemmungen, nach einem höheren Lohn zu fragen. Vor allem wenn es um Einstiegslöhne geht, müssen sich Frauen besser informieren, so können sie härter verhandeln. Sie dürfen sich nicht zu schnell zufrieden geben.
Frauen sind also selbst schuld an den tiefen Löhnen?
Wenn Frauen ein Job gefällt, sehen sie meist keinen Grund, nach mehr Lohn zu fragen. Oft fehlt auch schlicht der Mut, das Thema Lohn anzusprechen. Da sind Männer mutiger. Unter diesem Gesichtspunkt sind Frauen an den tiefen Löhnen selbst schuld, sie verkaufen sich unter ihrem Wert.
Was ist Ihr Rat an die Frauen für das nächste Lohngespräch?
Legt euch gute, objektive Argumente zurecht. Traut euch, nach mehr Lohn zu fragen. Macht dem Arbeitgeber klar, wie viel ihr wert seid. Seid selbstbewusst und ein bisschen frech.
* Isabell Rüdt ist Sprecherin von Business and Professional Women (BPW) Switzerland, einem bedeutenden Verband berufstätiger Frauen in verantwortungsvollen Positionen.
Lohnungleichheit wieder gestiegen
Die Differenz zwischen Männer- und Frauenlöhnen sank während zehn Jahren. Von 2006 bis 2008 ist die Lohnungleichheit hingegen wieder leicht gewachsen. Laut dem Bundesamt für Statistik verdienten Frauen für vergleichbare Arbeit im Jahr 2008 durchschnittlich 19,3 Prozent weniger als Männer. 2006 betrug die Differenz noch 18,9 Prozent. In der Privatwirtschaft wuchs der Lohnunterschied von 19,1 auf 19,4 Prozent, beim Bund verharrte er bei 12,9 Prozent. Anders im öffentlichen Sektor der Kantone: Dort ging die Lohndifferenz von 18,8 auf 17,4 Prozent zurück.