Work-Life-Balance?Banker arbeiten immer häufiger Teilzeit
Die Zahl der Teilzeitjobs bei Banken steigt. Kritiker sprechen von einer Sparmassnahme. Die Institute selbst sagen, sie wollen sich als attraktive Arbeitgeber positionieren.
Die Zeiten sind vorbei, als Banker ein klassischer Vollzeitjob war. Wie Zahlen der Schweizerischen Nationalbank (SNB) belegen, steigt die Zahl der Teilzeitpensen in der Schweizer Finanzbranche ständig an. So gab es 2005 erst 21'000 Teilzeitbeschäftigte, heute sind es deren 28'000. Umgekehrt sank seit 2010 die Zahl der Vollzeitbeschäftigten von 111'000 auf heute 103'000 Personen.
Das Portal «Inside Paradeplatz» kritisiert diese Entwicklung in einem Artikel mit deutlichen Worten. Bei der Umstellung auf Teilzeitpensen handle es sich meist um eine Sparübung vonseiten der Finanzinstitute: «Die Banken sparen dort, wo es einschenkt: bei den Löhnen.»
Kündigungsschutz allgemein tief
Denise Chervet, Geschäftsführerin des Schweizerischen Bankpersonalverbands, hegt Zweifel an dieser Analyse: «Teilzeitarbeit ist kaum eine Sparmassnahme, weil es hierzulande praktisch keinen Kündigungsschutz gibt.» So bleibe die Kündigung für die Banken leider die billigste Sparvariante. Dem Verband seien entsprechend keine Fälle bekannt, bei denen Angestellte zur Arbeitszeitreduktion gezwungen worden seien.
Bei Stellenreduktionen würden Personalkommissionen zwar oft Massnahmen zur Förderung der Arbeitspensenreduktion verlangen, um die Anzahl der Kündigungen zu reduzieren. Solche Reduktionen würden – wenn überhaupt – aber höchstens auf freiwilliger Basis durchgeführt. «Der Grund für den Anstieg der Teilzeitstellen liegt eher darin, dass die Banken versuchen, sich als attraktive Arbeitgeber zu positionieren, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglichen», so Chervet.
Die Initiative zur Masseneinwanderung stelle die Banken und die Arbeitgeber bei der Personalpolitik vor besonders grosse Herausforderungen. Die Rekrutierung von geeignetem Personal werde erschwert. Umso mehr steige die Notwendigkeit, sich diesbezüglich gut zu positionieren. «Wir befürworten die Förderung von Teilzeitarbeit, wenn diese freiwillig ist und keine Diskriminierung bezüglich Lohn und Karriereperspektive bedeutet», so Chervet.
Steigende Nachfrage nach Teilzeitjobs
Monika Waldburger, Mediensprecherin der Raiffeisen-Gruppe bestätigt auf Anfrage von 20 Minuten, dass die Nachfrage nach Teilzeitstellen steigt. «Als Arbeitgeber sind wir bestrebt, für die Arbeitnehmer das entsprechende Angebot zu schaffen und damit die individuelle Gestaltung der Work-Life-Balance zu fördern.»
Ähnlich klingt es bei der UBS: «Wir sehen ein erhöhtes Bedürfnis nach Teilzeitstellen seitens unserer Mitarbeiter.» Oft bestehe der Wunsch nach grösserer Flexibilität sowie nach einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Aus diesem Grund würden neu alle Stellen im 80- bis-100-Prozent-Pensum ausgeschrieben. Auch die Zürcher Kantonalbank ZKB bestätigt den Trend. Bei der Bank arbeiten bereits 31 Prozent der Mitarbeiter Teilzeit, wie der Nachhaltigkeitsbericht des Instituts zeigt. In den letzten Jahren ist der Anteil ausserdem stetig gestiegen ist.
Für Personalexperte Matthias Mölleney ist klar, warum ausgerechnet in der Bankbranche die Nachfrage und das Angebot an Teilzeitstellen steigt. «Der Grundlohn in diesem Sektor ist hoch und auch mit einem 80-Prozent-Pensum können die Leute noch genug verdienen», so Mölleney zu 20 Minuten. Den Trend zur Teilzeit spüren übrigens sogar die Hochschulen. Ausbildungsgänge in Teilzeit sind bei uns sehr populär geworden, erklärt Christoph Kley, Dozent für Banking & Finance an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).