Die Nase so weissFallen die Aktien, steigt der Kokainkonsum
Mancher Börsenhändler verdient sich eine goldene Nase. Dass sich nicht wenige auch regelmässig das Näschen pudern, ist kein Geheimnis. Nun werden Forderungen nach Drogentests laut.

Aktienhändler müssen schnell, risikobereit und entscheidungsfreudig sein. Sie arbeiten unter hohem Zeitdruck und haben die Verantwortung für Millionen an den internationalen Börsen. Sie verdienen sich in kürzester Zeit mit riskanten Deals eine goldene Nase – «pudern» sich aber auch gern mal ihr Näschen mit Kokain. Soweit das Klischee.
Jetzt sorgt eine Studie aus den USA für Aufruhr. Demnach gibt es eine Verbindung zwischen Drogenmissbrauch und Marktfluktuation: Je grösser die Tumulte an den Börsen, desto mehr Drogen konsumieren die Trader. Sie verlieren den Bezug zur Realität – und die Unruhen an den Börsen verstärken sich weiter. Es entsteht ein Teufelskreis.
Drogentest für Börsenmakler?
Ein italienischer Beamter schlägt nun Alarm: Carlo Giovanardi, ein Mitarbeiter der Regierung von Silvio Berlusconi, sagte gegenüber Bloomberg News, viele Italiener hätten an den Börsen Geld verloren, weil ihre Vermögen in die Hände zugedröhnter, unzurechnungsfähiger Trader geraten seien. Giovanardi fordert, dass sich Aktienhändler einem Drogentest unterziehen müssen.
Und wie gross ist das Drogenproblem in der Schweiz, einem der grössten Finanzplätze der Welt? «Auch wir müssen uns der Frage stellen, wie Bankangestellte dem enormen Druck standhalten können», sagt Denise Chervet, Zentralsektretärin des Schweizerischen Bankpersonalverbands SBPV. Leider sei dies teilweise nur mit Substanzen möglich, die Nebeneffekte hätten und abhängig machten. «Es geht nicht in erster Linie um harte Drogen, sondern um Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit.»
«Kokainkonsum in allen Schichten»
Chervet spricht eine Untersuchung des Tessiner Gesundheitsökonomen Gianfranco Domenighetti an, nach deren Erkenntnissen im Südkanton fast ein Viertel der Bankangestellten zu Beruhigungsmitteln, Antidepressiva oder Schlafmitteln greift. Ein Drittel nimmt Schmerzmittel, fast die Hälfte konsumiert Aufputschmittel oder Vitamine. Der SBPV will deshalb mit den Arbeitgebern über eine Reduktion der Arbeitszeit diskutieren. «Wir fordern eine sechste Ferienwoche im Gesamtarbeitsvertrag», sagt Chervet.
Die Studie von Domenighetti scheint in der Schweiz die Ausnahme zu sein. Ansonsten gibt es hierzulande wenig Konkretes zu diesem heiklen Thema. Insbesondere in Zürich bleibt die Sache diffus. Das liege daran, dass man die Zahl der Bankangestellten, die harte Drogen konsumieren, nicht messen könne, sagt Lars Stark, ärztlicher Leiter bei der Arbeitsgemeinschaft für risikoarmen Umgang mit Drogen (Arud).
Stark bestätigt zwar, dass ihn Drogenkonsumenten aus dem Banksektor aufsuchen. Aber: «Kokainkonsum ist heute in allen sozialen Schichten verbreitet.» Im Gegensatz zu den Neunzigerjahren, als Kokain einen Boom als Edeldroge erlebte, sei in den letzten Jahren keine Zunahme ersichtlich. Klar ist einzig, dass in Zürich viel gekokst wird. Das kann man Abwasserproben entnehmen. «Der Kokainkonsum ist auf hohem Niveau stabil», so Stark.
«City Boy» spricht Klartext
In London weiss man mehr – dank Geraint Anderson: Der Investmentbanker hat fast zwei Jahre lang unter dem Pseudonym «City Boy» Details aus der Londoner Finanzwelt publik gemacht. Später outete er sich und publizierte ein Buch.
Darin beschreibt er unter anderem, wie er nach einer durchzechten Nacht an seinem Arbeitsplatz an der Londoner Börse erschien und ihm vor den Augen all seiner Kollegen ein Schwall Blut aus der Nase schoss. Ein untrügliches Zeichen für übermässigen Kokainkonsum. Die Reaktion seiner Kollegen: Gejohle. Die Reaktion der Aktienkurse: Sie stürzten ab. Die Konsequenzen für den Trader: keine.