Kommt in der Schweiz ein «Konsumboom»?

Aktualisiert

ÜberhitzungsgefahrKommt in der Schweiz ein «Konsumboom»?

Unter anderen hat die Grossbank UBS kürzlich vor einer Überhitzung der Schweizer Wirtschaft durch einen Boom beim Konsum gewarnt. Das Seco winkt ab: Die Demografie relativiert.

Für das kommende Jahr erwarten sie ein Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) von 2,3 Prozent, wie sie am Donnerstag bekanntgaben. Bei der letzten Schätzung im Juni waren sie noch von 2,1 Prozent ausgegangen.

Noch stärker erhöhte das Seco seine Prognose für das laufende Jahr. Demnach wird das BIP 2013 um 1,8 Prozent zulegen, statt der bisher veranschlagten 1,4 Prozent.

Das Wachstum dürfte sich auch auf dem Arbeitsmarkt auswirken, wo sich allmählich eine Erholung abzeichnet. Im Juni war das Seco noch von einer Arbeitslosenquote von 3,3 Prozent sowohl für 2013 als auch für 2014 ausgegangen, erwartet es nun für beide Jahre eine Quote von 3,2 Prozent.

Das Preisniveau dürfte im kommenden Jahr wieder steigen: Während das Seco für 2013 noch mit einer Inflationsrate von -0,1 Prozent rechnet, dürfte diese 2014 auf 0,3 Prozent steigen.

Neuer Höchstwert

Mit ihren BIP-Prognosen für 2014 setzen die Ökonomen des Bundes einen neuen Höchstwert unter den Konjunkturauguren. Die Grossbanken UBS und Credit Suisse ebenso wie die Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich sagen gemäss den Schätzungen von vergangener Woche einen Anstieg von 2,0 Prozent voraus. Am optimistischsten zeigte sich bisher das Forschungsinstitut Bakbasel, das von 2,2 Prozent Wachstum ausgeht.

Alle wichtigen Expertengruppen haben ihre Prognosen nach oben korrigiert, nachdem die jüngsten BIP-Zahlen überraschend gut ausgefallen waren. Im zweiten Quartal lag das BIP 2,5 Prozent über dem Vorjahreswert.

Exporte schwächeln

Allerdings wird das Wirtschaftswachstum im Wesentlichen von der Binnennachfrage getragen. Im laufenden Jahr dürfte der private Konsum gemäss Seco um 2,4 Prozent zulegen.

Dagegen zeigt die Exportwirtschaft unerwartet Schwächen. Gemäss den jüngsten Zahlen der Zollverwaltung stiegen die Ausfuhren im bisherigen Jahresverlauf gegenüber 2012 nur leicht um 0,2 Prozent an.

«Von Januar bis August gab es in der Exportwirtschaft noch keine Trendwende», sagte Bruno Parnisari, Leiter des Ressorts Konjunktur beim Seco, am Donnerstag gegenüber der Nachrichtenagentur SDA. Als Gründe sieht er die wirtschaftliche Lage in der Euro-Zone, die sich bis im ersten Quartal 2013 noch in der Rezession befand, aber auch die Eintrübung der Konjunktur in Schwellenländern wie China.

Das Seco rechnet allerdings damit, dass sich die Schweizer Exportwirtschaft schon bald erholt. Hoffnungen setzen die Experten insbesondere in die Euro-Zone, deren Konjunktur allmählich wieder in die Gänge kommt. Dies lasse «verhalten positive Wachstumsimpulse» aus dem wichtigsten Exportmarkt erwarten. In der Folge dürften die Ausfuhren 2014 um 4,8 Prozent zulegen und für ein breiter abgestütztes Wirtschaftswachstum sorgen.

Keine Angst vor «Konsumboom»

Vorderhand bleibt die Schweizer Wirtschaft aber stark vom privaten Konsum abhängig. Die UBS warnte jüngst sogar schon vor einem «Konsumboom» wie in den späten 1980er Jahren. Dieser hatte zu einem Immobiliencrash und Inflationsraten über 6 Prozent geführt. Die Grossbank befürchtet, dass bald eine Lohn-Preis-Spirale einsetzen könnte.

Solche Ängste teilt das Seco nicht. «Ich würde nicht von einem Boom sprechen», sagte Bruno Parnisari. Er relativiert das starke Wachstum der Binnennachfrage.

Einerseits verweist er auf die demografische Entwicklung: «Die Bevölkerung in der Schweiz nimmt viel stärker zu als in vielen europäischen Ländern, in erster Linie wegen der Zuwanderung.» Ein Teil der Zunahme des Konsums seien deshalb reine Volumeneffekte - wenn die Bevölkerung wächst, wachsen auch die Ausgaben, selbst wenn der Einzelne immer noch gleich viel konsumiert.

Ein zweiter Einflussfaktor sind laut Parnisari die Gesundheitsausgaben. «Der Anteil der Gesundheitsausgaben am Konsum hat in den letzten Jahren ständig zugenommen» erklärte er. «Klammert man die Gesundheitsausgaben aus, stagnieren die Konsumausgaben pro Kopf seit 2007 praktisch.» (sda)

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