Viele Handys, aber kaum Toiletten

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IndienViele Handys, aber kaum Toiletten

Ob arm oder reich, in Indien besitzt fast jeder mindestens ein Handy. Weniger gut bestückt sind die Inder aber in Sachen Toiletten.

Ravi Nessman
AP
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Ravi Nessman
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Indien: Der Handy-Wahn verbindet alle Schichten.

Indien: Der Handy-Wahn verbindet alle Schichten.

Die Bruchbuden des Elendsviertels Rafiq Nagar in Mumbai haben kein sauberes Wasser. Es gibt keine Müllabfuhr und keinen Strom, abgesehen von ein paar illegal gezogenen Strippen. Und keine einzige Toilette für die 10 000 Einwohner. Aber fast jede Familie hier besitzt ein Handy, manche sogar drei.

In Indien prallen die Gegensätze zwischen Fortschritt und Rückständigkeit, Reichtum und Armut besonders krass aufeinander. Hier haben den Vereinten Nationen zufolge mehr Menschen ein Mobiltelefon als ein Klosett. Hier brummt die Geschäftswelt der Software-Entwickler und Call-Center, während die wasserköpfigen, korrupten Behörden nicht die einfachste Infrastruktur zustandekriegen.

Die Wachstumsrate von geschätzten 8,5 Prozent zählt zu den höchsten der Welt, aber die Strassen verfallen. Hier erhalten westliche Besucher in Privatkliniken preisgünstige medizinische Versorgung von Weltrang, aber die Kinder- und Müttersterblichkeit ist so hoch wie kaum sonst irgendwo jenseits des südlichen Afrika.

Vom wirtschaftlichen Aufstieg Indiens haben Zigmillionen profitiert, doch noch viel mehr leben immer noch in erbärmlicher Armut. Der Geschäftsmann Mukesh Ambani, der viertreichste Mensch der Welt, stellt gerade in Mumbai sein neues Privathaus Haus fertig: einen Wolkenkratzer mit 27 Stockwerke und drei Hubschrauberlandeplätzen für eine gute Milliarde, mutmasslich das teuerste Wohnhaus auf Erden. Zugleich leben Bauern immer noch in Hütten aus Lehm und Kuhdung.

Essen, Kleidung, Obdach - Handy

Der Handy-Wahn verbindet alle Schichten. Mobiltelefone werden in Konsumtempeln und auf Märkten verkauft. Kleine Läden in den Slums bieten Prepaid-Karten für umgerechnet 15 Cent gleich neben dem Kautabak feil, an der Ampel verhökern Strassenhändler Ladegeräte fürs Auto.

In einem der allgegenwärtigen Handy-Geschäfte in Neu-Delhi drängt sich mittags die Kundschaft und begutachtet das Angebot vom schlichten Nokia für 1150 Rupien (rund 25 Franken) bis zum schicken Blackberry für 35 000 Rupien (rund 762 Franken). Geschäftsführer Sanjeev Malhotra zitiert einen uralten und immer noch nicht verwirklichten Wahlkampfslogan, der Essen, Kleidung und Obdach versprach: «Roti, kapda, makaan - und Handy», ergänzt er und lacht. «Grundbedürfnisse.»

Ende August gab es über 670 Millionen Mobilfunkanschlüsse in Indien. Jeden Monat kommen nach amtlicher Statistik fast 20 Millionen dazu. Zugleich zeigen Zahlen der UN, dass nur 336 Millionen Inder im Privatleben die Möglichkeit haben, eine Toilette oder Latrine aufzusuchen. Das bedeutet, dass 665 Millionen ihr Geschäft im Freien verrichten.

«Wenigstens Leitungswasser und Kanalisation - wie können wir ohne diese beiden wesentlichen Dinge von irgendeiner Entwicklung sprechen? Wie können wir ohne Gesundheit und Bildung von Entwicklung sprechen?», fragt Anita Patil-Deshmukhl von der Hilfsorganisation PUKAR in Mumbai.

Die Regierenden äussern Verständnis für das Problem. Ministerpräsident Manmohan Singh, ein Wirtschaftswissenschaftler, verweist darauf, dass das Wachstum den verarmten Massen ebenso wie der wachsenden Mittelschicht nutze. Den maoistischen Aufstand im Osten, der sich zum grossen Teil aus der Unzufriedenheit der Armen speist, bezeichnet er als grösste Gefahr für die innere Sicherheit.

Die Chefin der regierenden Kongresspartei, Sonia Gandhi, hat Gesetze vorangetrieben, die das Recht auf Ernährung und Bildung garantieren, sowie ein gigantisches Arbeitsplatzprogramm für die Landbevölkerung. Doch bis zu 800 Millionen Inder haben noch immer keine 1,90 Franken am Tag zum Leben, auch wenn die Börse von Mumbai sich ihrem Rekordhoch nähert.

Gefährliche Kluft zwischen Arm und Reich

Viele befürchten, dass die Lage unhaltbar ist. «Jeder begreift die Gefahr. Jeder begreift, dass eine Kluft besteht, dass es das sein kann, was das Land ins Stolpern bringt», sagt Unternehmer Anand Mahindra. Private Firmen versuchen, in diese Lücke vorzustossen. Tata verkauft für 749 Rupien (16 Franken) einen Wasserfilter für Arme. Die Mafia versorgt Slumbewohner mit Wasser und Strom - zu höheren Preisen, als wohlhabende Inder für die öffentliche Versorgung berappen.

«Für jede Kleinigkeit müssen wir bezahlen», klagt Nusrat Khan, eine 35 Jahre alte, berufstätige alleinerziehende Mutter. Sie muss ihre vier Kinder mit weniger als 3000 Rupien (65 Franken) im Monat durchbringen und macht die Regierung dafür verantwortlich, dass es an Wasser und Sanitäranlagen fehlt.

Die Regierung gibt rund 250 Millionen Euro für den Bau von Sanitäranlagen auf dem Land aus. Bindeshwar Pathak von der Sozialreformbewegung Sulabh für Hygiene und Sozialreformen schätzt, dass das Land 120 Millionen Latrinen mehr braucht - das wäre das wohl grösste Sanitärprojekt der Weltgeschichte. «Die an der Macht, nur die können die Lage ändern», sagt Pathak, der nach eigenen Angaben in den letzten 40 Jahren zum Bau von einer Million preisgünstiger Latrinen beigetragen hat. «Indien kann das erreichen - wenn es will.»

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