Wie würde Vollgeld die Schweiz verändern?

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VolksinitiativeWie würde Vollgeld die Schweiz verändern?

Die Vollgeld-Initiative will das Schweizer Finanzsystem umkrempeln. Gegner warnen vor negativen Folgen. Worum geht es überhaupt?

K. Wolfensberger
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K. Wolfensberger

Was sind die Vor- und Nachteile der Vollgeldinitiative? Sehen Sie es im Videobeitrag. (Video: Kaspar Wolfensberger)

Banken sollen nur das Geld verleihen, das sie wirklich besitzen. Das ist die Kernforderung der Vollgeld-Initiative. Noch diesen Monat möchte der Bundesrat seine Botschaft zum Anliegen veröffentlichen. Initianten und Gegner wie der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse bringen daher ihre Argumente in Stellung. Doch worum geht es bei dem Anliegen genau? Die wichtigsten Antworten.

Was fordert die Initiative?

Die Initianten wollen, dass nur der Staat Geld schaffen kann, konkret die Schweizerische Nationalbank (SNB). Das hiesse für die Banken, dass sie nur das Geld verleihen dürften, das sie wirklich besitzen. Aktuell ist deutlich mehr Geld im Umlauf, als physisch als Bargeld existiert. Möglich macht dies die Kreditvergabe der Banken an ihre Kunden. Die Kredite werden nicht vom Guthaben anderer Kunden finanziert, sondern existieren nur virtuell, so die Initianten. Guthaben vieler Bankkunden seien also eigentlich Forderungen gegenüber der Bank, beziehungsweise von den Banken «aus dem Nichts» geschaffenes Geld.

Was würde bei Annahme der Initiative geschehen?

Die SNB wäre künftig nicht nur ausschliesslich für die Schaffung von Bargeld, sondern auch für die elektronische Geldschöpfung allein zuständig. Von den Banken durch die Kreditvergabe geschaffenes Buchgeld würde verschwinden und durch sogenanntes Vollgeld der SNB ersetzt werden. Die Banken dürften weiter Kredite gewähren, aber nur in dem Umfang, in dem sie selber über Vollgeld verfügen. Banken müssten also vor der Kreditvergabe erst Geld von Kunden oder Investoren einsammeln.

Was geschähe mit dem Guthaben auf privaten Konten?

Die Konten der Privatkunden wären neu als Einlagen direkt von der SNB garantiert. Ginge eine Bank pleite, wäre das Geld vollumfänglich sicher. Grund: Die SNB kann nicht pleitegehen, da sie den Franken selbst herausgibt. Heute ist Geld bei Banken dank einer Einlagensicherung nur bis zu einem Betrag von 100'000 Franken versichert. Darüber hinaus ist der Kunde im Insolvenzfall Gläubiger der Bank, wie die «Finanz und Wirtschaft» erklärt.

Was sind die Argumente der Befürworter?

Im Fall einer Finanzkrise sollen die Kunden dank dem Vollgeld mehr Sicherheit erhalten. Da das Vollgeld von der SNB garantiert würde, würden die Kunden auch bei der Pleite einer Geschäftsbank ihr Guthaben nicht verlieren. Das wiederum würde es dem Staat ermöglichen, strauchelnde Banken nicht zu retten. Sie wären somit nicht mehr «Too big to fail». Ausserdem sei es mit der Geldschöpfung durch Vollgeld möglich, pro Jahr zusätzlich fünf bis zehn Milliarden Franken an Kantone und Gemeinden auszubezahlen. Mit diesen zusätzlichen Einnahmen könnten beispielsweise die Steuern gesenkt werden.

Was sagen die Gegner?

Kritiker der Initiative warnen vor negativen Folgen für den Schweizer Finanzplatz. Er könnte isoliert werden. Der Wert des Franken bräche zusammen, weil eine Flucht in andere Währungen wie Euro oder Dollar stattfinden würde. Weil noch kein Land jemals das Vollgeld eingeführt hat, sei ausserdem zweifelhaft, ob durch die Initiative wirklich besseres Geld entstünde. Sie sei «ein gigantisches Experiment mit ungewissem Ausgang», so Economiesuisse-Chefökonom Rudolf Minsch an einer Pressekonferenz am Dienstag.

Wann kommt die Initiative zur Abstimmung?

Noch diesen Monat wird der Bundesrat seine Botschaft zur Initiative veröffentlichen. Der Ball liegt dann beim Parlament, also dem National- und dem Ständerat. Die beiden Kammern müssen ihre Position zur Initiative erarbeiten. Die Abstimmung könnte dann wohl frühestens Ende 2017 oder Anfang 2018 folgen.

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