«Sportstars haben abends längst ein Zuckerverbot»

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Glücksdroge oder Gift«Sportstars haben abends längst ein Zuckerverbot»

Naschen ist schön. Wer abends aber regelmässig sündigt, isst sich krank. Der Arzt Kurt Mosetter gibt die wichtigsten Antworten in der zuckersüssen Weihnachtszeit.

Sulamith Ehrensperger
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Sulamith Ehrensperger
Zucker ist der heimliche Killer, sagt der Arzt und Heilpraktiker Kurt Mosetter. Vor allem wer abends regelmässig nascht, setzt seine Gesundheit aufs Spiel.

Zucker ist der heimliche Killer, sagt der Arzt und Heilpraktiker Kurt Mosetter. Vor allem wer abends regelmässig nascht, setzt seine Gesundheit aufs Spiel.

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Kurt Mosetter, Weihnachten ist süsse Versuchung pur. Doch auch übers Jahr essen wir deutlich mehr Zucker als empfohlen – und oft auch ganz unbemerkt.

Zucker ist nicht einfach nur Zucker, sondern vor allem auch kurzkettige Kohlenhydrate in Nudeln, Baguette, Croissant und so weiter. Jetzt muss man richtig damit haushalten. Wer viel Sport treibt, kann Zucker gut wieder verbrennen. Wer aber viel sitzt, sich wenig bewegt und viel Zucker isst, spielt mit seiner Gesundheit.

In Ihrem Buch ist Zucker der heimliche Killer. Wen oder was killt er genau?

Blicken wir in die Evolution zurück. Drei Millionen Jahre lang machte der Zuckeranteil über langkettige Kohlehydrate in unserem Essen zwei bis drei Prozent aus und bestand aus Fett, Eiweiss und Beeren. Um 1850 war es dann knapp ein halbes Kilo Zucker pro Person pro Jahr. Danach beginnt das sogenannte glukotoxische Zeitalter, also das von Zucker vergiftete Zeitalter. In der Tat werden heute über 50 Kilo Zucker pro Person pro Jahr verzehrt. Ein Übermass, das krank macht.

Zucker löst bei vielen Erinnerungen an schöne Momente aus, an die Kindheit, an Weihnachtsmärkte und ans Beisammensein.

An Weihnachten oder auch sonst ab und zu ein Croissant oder ein Stück Kuchen sollen mir vergönnt sein. Aber wenn ich jeden Tag davon esse, dann ist es zu viel des guten Kuchens! Ich will niemandem den Genuss verderben. Wenn Sie am Abend möglichst keine Süssgetränke, Kuchen und nicht gerade einen Berg Spaghetti essen, geniessen Sie gesünder. Lieber am Mittag sündigen, damit Sie den Zucker wieder verbrennen können. Was zählt, ist das richtige Mass. Zu viel schadet dem Gehirn, den Muskeln und den Energiekraftwerken der Zelle. Zu viel richtet Schaden an, eine Gefahr ist dann der Diabetes Typ 2. Lange davor geht's aber schon an die Nieren, die Augen, das Gehirn und das Herz.

Also kein Dessert vor dem Zubettgehen. Doch sind die meisten Festessen am Abend.

Ihr Weihnachtessen können Sie ruhig geniessen! Und mit ein paar kleinen Tricks gelingt es noch leichter: Das Schokolade-Eis oder die Mousse au Chocolat mit Xylose oder Galaktose süssen. An den Weihnachtstagen zu sündigen ist kein Problem. Wenn ich dies nicht das ganze Jahr auch tue. Und sobald ich Sport mache, verbrennt der Körper den Zucker wieder.

Zucker ist nicht gleich Zucker. Honig, Birkenzucker oder Stevia – was empfehlen Sie, wenn ich es gerne süss mag?

Es gibt Zuckerarten, für die der Körper kein Insulin ausschüttet. Das wären Galaktose, Ribose und Mannose. Letztere ist auch in Preiselbeeren enthalten, die gegen Harnwegsinfekte helfen. Die Galaktose ist in Linsen zu finden und ist auch der Zucker der Muttermilch. Das sind gute Zucker, um alternativ zu süssen. Stevia hat in der Regel auch positive Wirkungen. Nur wer schon einen Diabetes Typ 2 hat, sollte sich zurückhalten. Auf Xylit, den Birkenzucker, reagiert der Körper nur mit einem Viertel an Insulin. Damit können Sie Kuchen backen oder Sportgetränke mixen. Der Zucker aus dem Honig, die Isomaltulose, enthält einen Fruchtzucker- und Glukoseanteil. Er hat einen besseren glykämischen Index als Haushaltszucker, ist aber in Massen gesund. Honig zum Frühstück passt, aber nicht am Abend.

Fruchtzucker wurde bis noch vor einigen Jahren als gesundes Süssungsmittel auch für Diabetiker empfohlen. Hat er heute zu Recht einen schlechten Ruf?

Fruchtzucker hat zwar einen besseren glykämischen Index und zu Beginn weniger Insulinbelastung, aber im Übermass schadet er Leber und Gehirn. Ein Zuviel schaltet dann Hunderte von Genen auf Sturm, Stress, Schlaflosigkeit und solche fürs Gedächtnis ab. Aus der Evolution gibt es eine Positivliste mit Früchten mit geringem Fruchtzucker, Glucose und Insulinlast, etwa Heidelbeeren, Himbeeren, Johannisbeeren, Aprikose, Rhabarber, Ananas, Pfirsich, Papaya und Avocados. Viel Zucker enthalten Äpfel, Birnen, Orangen, Trauben und Bananen. Diese möglichst nicht am Abend geniessen, sondern lieber am Morgen oder vor dem Sport.

Warum geht das Insulin nicht ins Bett, wenn ich am Abend noch eine Mousse au Chocolat verputze?

Der Körper hat einen inneren Rhythmus. Am Morgen schüttet er viel Cortisol aus. Wir sind wach, fit und leistungsfähig. Daher verbrennt der Körper tagsüber richtig Kohlenhydrate. In der Nacht stellt er auf Fettverbrennung um. Das heisst, die Mitochondrien, die Kraftwerke der Zellen, produzieren ganz effizient Energie. Ein Schlüsselenzym mit dem abenteuerlichem Namen Peroxisome Proliferator Activated Receptor Gamma Coactivator-1Alpha (PGC-1) schaltet viele hundert Gene auf Reparatur, Regeneration, auf Sexualhormone, guten Schlaf und ein gesundes Immunsystem. Die grössten Feinde dieses Enzyms für die Fettverbrennung sind Zucker und Insulin. Also abends keinen Zucker, denn das Insulin soll ins Bett. Insulin wirkt nur anabol, regenerativ und wachstumsfördernd, wenn es in der Zelle bleibt. Ich muss es also sparen, damit es seine Arbeit verrichten kann.

Zu viel Zucker macht also schlaflos.

Den inneren Rhythmus bestimmen mehrere Dirigenten und Orchester. Mit zu viel kurzkettigen Kohlenhydraten, Zucker und Insulin kommt das Orchester im Magen-Darm-System aus dem Takt – und damit auch der innere Rhythmus. Fussballstars bei Real Madrid, FC Barcelona, Leipzig oder Manchester City haben auch einen Schlaftrainer. Für Spieler wie Ronaldo, Messi und Co. gilt abends ein strenges Zuckerverbot. Sie würden sonst schlechter schlafen, schlecht regenerieren und in der Folge auch schlechter spielen. Im Profisport wird dies schon seit 2008 durchexerziert, und so langsam setzt es sich auch bei der Allgemeinbevölkerung durch.

Als Bewegungsmensch konsumiere ich hin und wieder Proteinshakes oder Riegel. Die meisten enthalten viel Zucker und sind damit auch Kalorienbomben.

Es lohnt sich, genau hinzuschauen. Oft ist da viel Maisstärke, Maltodextrin oder Süssstoff Aspartam drin. Das ist zu viel des Schlechten. Auf jeden Fall braucht es einen hohen Anteil Protein und Aminosäuren, aber bitte mit wenig oder gar keinem Zucker. Wer es süsser mag, kann mit ein bisschen Galaktose, Ribose oder mit gemahlenen Beeren nachsüssen.

Schwierig, als Konsumentin da durchzublicken. Welche sind die grössten Fallen, in die Ihre Patienten immer wieder reintappen?

Die grösste Falle sind verarbeitete Lebensmittel. Das Problem sind Konservierungsstoffe, Geschmacksverstärker, künstliche Süssstoffe oder Maisstärke, der billigste und schlechteste Zucker. Wer biologisch und natürlich einkauft, ist auf der sicheren Seite: Gemüse, Weiderind, Schafs- und Ziegenkäse, Eier, Nüsse, Kichererbsen und Hülsenfrüchte. Ein persönlicher Tipp: ein Kilo Linsen, drei bis vier Stunden bei niederer Temperatur kochen, oder Kichererbsen während zwei bis drei Stunden. Sie haben dann eine Suppe, mit ein bisschen Oliven- oder Chiasamenöl ein Hummus oder kurz angebraten Falafel oder Pfannkuchen. Alles Gerichte mit wertvollem Zucker und Aminosäuren, die gut verträglich sind. Je natürlicher, je biologischer, umso weniger ist Ihr Menü verarbeitet – und umso besser für Ihre Gesundheit.

Wie halten Sie es mit Ihrem Zuckerkonsum? Teilen Sie Ihre Erfahrungen im Kommentarfeld.

Kurt Mosetter ...

... ist Arzt und Heilpraktiker. Bekannt wurde er dank der von ihm entwickelten Myoreflex-Therapie. Diese bietet als Teil eines neuartigen Trainingskonzepts die Möglichkeit, sportliche Leistungen zu optimieren. Mosetter ist Leiter des ZIT (Zentrum für interdisziplinäre Therapien) in Konstanz, Freiburg und Herrenberg. Fussballgrössen wie Jürgen Klinsmann und Sami Khedira geben sich bei ihm die Klinke in die Hand.

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