Dr. Muscle«Wie Jäger und Sammler in der Schwerelosigkeit»
Dr. Muscle über muskuläre Signaltränen und warum ein Mindergebrauch von Muskeln langfristig krank machen kann.

Muskeln, gespannt wie ein Pfeilbogen: Ein Buschmann in der südlichen Kalahari auf der Pirsch.
Das Jagen und die Nahrungssuche im Freien waren während Tausenden von Jahren eine Bedingung für das (Über-)Leben von Menschen. Während fast 100% der Zeitspanne unseres biologischen Daseins war ein hohes Mass an körperlicher Aktivität nichts als normal. Unser Erbgut hat sich unter anderem auf der Basis dieser vorherrschenden Umweltbedingung geformt. Seit der Einführung von angetriebenen Maschinen hat sich unser Aktivitätsniveau schätzungsweise um 50% bis 70% reduziert. Sinnbildlich gesprochen sind wir heute Jäger und Sammler in der Schwerelosigkeit, so wie Fische auf dem Trockenen. Muskuläre Aktivität ist ein untrennbarer Teil der menschlichen Natur, sodass sich das Fehlen desselben negativ auf unsere Gesundheit auswirkt.
Muskeln sind eine Kommunikationszentrale
Die wissenschaftliche Datenlage hierzu ist eindeutig und überwältigend: Der Mindergebrauch unserer Muskeln ist die primäre und eigentliche Ursache für die meisten sogenannten zivilisatorischen Krankheiten. Wie das? Unsere Muskeln sind nicht nur Teil unseres Systems zur Fortbewegung, sondern stellen gleichzeitig auch eine Kommunikationszentrale dar. Zu den Kommunikationsmitteln gehören, nebst der Muskelkraft an sich, chemische Faktoren (sogenannte Myokine).
Die Myokine werden bei der Kraftproduktion des Muskels von diesem ausgeschüttet und gelangen über den Blutkreislauf zu anderen Zielorganen, wo sie ihre Wirkung entfalten. So kommunizieren Muskeln unter anderem mit dem Gehirn, der Leber, der Bauchspeicheldrüse, dem Fettgewebe und den Knochen. Der Muskel muss daher als Drüse verstanden werden, die in Abhängigkeit ihrer Beanspruchung unterschiedliche Signale zu anderen Körperorganen aussendet, die wiederum zur Aufrechterhaltung ihrer natürlichen Funktion auf diese Muskelsignale angewiesen sind.
Durch Training versorgen Sie demnach nicht nur Ihre Muskeln, sondern auch praktisch alle Organsysteme in Ihrem Körper mit lebensnotwendigen Signalen. Das ist unter anderem die ursächliche Erklärung dafür, warum Muskeltraining gesund ist und warum ein Mindergebrauch von Muskeln langfristig krank machen kann. Körperliches Training ist daher nicht einfach ein modisches Accessoire, sondern Teil unseres Wesens. Work it!

Dr. sc. nat. Marco Toigo befasst sich im Rahmen seiner universitären Forschungsarbeit im Labor für Muskelplastizität der Uniklinik Balgrist mit den Mechanismen des Muskelaufbaus und -abbaus. Nebst seiner Forschungstätigkeit ist er als ETH-Hochschuldozent fur Muskel- und Sportphysiologie sowie als Buchautor tätig. Er verfügt zudem über jahrelange Erfahrung in der Ausbildung von Fitnesstrainern und der Instruktion und Betreuung von Trainierenden.