Dr. MuscleWas ist «funktionelles Training» wirklich?
Dr. Muscle erklärt, welche falschen Versprechen beim sogenannten funktionellen Training suggeriert werden und was es damit wirklich auf sich hat.

Dr. Muscle räumt mit Trainingsmythen auf.
Skelettmuskeln sind für die Funktion unseres Organismus und somit für unsere Gesundheit von grundlegender Wichtigkeit. Sie erfüllen mehrere wichtige Aufgaben. Im Zusammenhang mit der menschlichen (Fort-)Bewegung ist die eigentliche Funktion von Skelettmuskeln, Kraft zu produzieren. Dabei versucht der Muskel, sich zu verkürzen, was im Alltag auch oft gelingt. Wenn Sie beispielsweise einen Apfel zum Mund führen, verkürzt sich Ihr Bizepsmuskel. Eine Muskelverkürzung ist aber nicht immer das Resultat der Kraftproduktion.
Anders ausgedrückt ist die äusserlich sichtbare Bewegung von Gliedmassen nicht zwingend das Resultat der Muskelkraftproduktion. Dieser Tatsache werden Sie sich bewusst, sobald Sie mit maximaler Kraftanstrengung versuchen, einen Panzer anzuheben. Er wird sich nicht von der Stelle rühren, obwohl Ihre Muskeln sehr viel Kraft generieren. Auch beim Halten oder Tragen von Einkaufstaschen produzieren Ihre Schulter- und Nackenmuskeln Kraft, obwohl die Einkaufstaschen mehr oder weniger auf der gleichen Höhe verharren.
Schliesslich kommt es im Alltag auch oft vor, dass Sie Bewegung abbremsen müssen, so etwa beim Gehen oder wenn Sie die Treppen hinuntersteigen. Nach Aufsetzen des Fusses beugt sich das Knie und die Oberschenkelmuskeln produzieren Kraft, um zu vermeiden, dass Sie einknicken. In diesem Fall produzieren die Muskeln Kraft, während sie ein bisschen gedehnt werden.
Je mehr Bewegungsaufgaben ein Muskel trainiert, desto funktioneller ist das Training
Aus diesen Betrachtungen wird klar, was «funktionell» für einen Muskel wirklich bedeutet: Er wird willentlich oder reflexartig durch Nervenimpulse angeregt und produziert Kraft. Ob dabei äusserlich eine Bewegung sichtbar wird und wie schnell diese Bewegung ist, hängt primär vom Krafteinsatz Ihrer Muskeln und der Höhe der externen Last ab. Der Krafteinsatz hängt wiederum von neuronalen und muskulären Faktoren ab. In diesem Sinne ist Ihr Training automatisch «funktionell», sobald Ihre Muskeln neuronal stimuliert werden und Kraft produzieren.
Allerdings kann das Ziel der Kraftproduktion (Verkürzung) eines Muskels variieren, denn ein einzelner Muskel kann im Normalfall mehrere Bewegungsaufgaben erfüllen. Der Bizepsmuskel hat beispielsweise nicht nur die Aufgabe bzw. Funktion, den Arm zu beugen, sondern bei gebeugtem Arm auch das Handgelenk nach aussen zu drehen oder den Arm nach vorne anzuheben. Aus dieser Perspektive wird ein Training funktioneller, wenn Sie einen bestimmten Muskel in allen seinen Bewegungsaufgaben trainieren.
Achtung vor leeren Worthülsen!
Im Krafttraining bedeutet dies, dass Sie für jeden Muskel mehrere, funktionell unterschiedliche Übungen ausführen sollten, wenn Sie die Chance erhöhen wollen, dass die Trainingseffekte auch in Ihrer Sportart oder während Alltagsaktivitäten wirksam werden. Klar ist: Für Behauptungen, wonach isolierte Übungen weniger funktionell seien als es mehrgelenkige Übungen sind, gibt es keine überzeugende wissenschaftliche Basis.
Beim «Funktionellen Training», wie es in der Fitness- und Sportszene üblicherweise verbreitet und begründet wird, handelt es sich daher wohl mehr um eine mit Marketing munitionierte Worthülse als ein gut fundiertes Trainingskonzept.

Dr. sc. nat. Marco Toigo befasst sich im Rahmen seiner universitären Forschungsarbeit im Labor für Muskelplastizität der Universitätsklinik Balgrist mit den Mechanismen des Muskelaufbaus und -abbaus. Nebst seiner Forschungstätigkeit ist er als ETH-Hochschuldozent fur Muskel- und Sportphysiologie sowie als Buchautor tätig. Er verfügt zudem über jahrelange Erfahrung in der Ausbildung von Fitnesstrainern und der Instruktion und Betreuung von Trainierenden.