Missbrauch schädigt Gene der Enkel

Aktualisiert

LangzeitschädenMissbrauch schädigt Gene der Enkel

Traumatische Erlebnisse verändern das Erbgut des Nachwuchses von Opfern. Psychologin Terrie Moffitt fand heraus: Die Schädigung ist sogar noch bei Enkeln nachweisbar.

Désirée Pomper
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Désirée Pomper

Wird eine Frau vergewaltigt oder ein Kind misshandelt, wirkt sich das messbar auf die Gene der Nachkommen der Geschädigten aus. Das zeigen Langzeitstudien der Psychologin Terrie Moffitt. Denn solche traumatischen Erlebnisse führen dazu, dass die eigenen Kinder und Enkel eine sehr schwach aktive Form eines bestimmten Gens erben. Je geringer die Aktivität dieses Gens, desto schwächer ist wiederum die Widerstandskraft gegenüber negativen Erlebnissen. Ein Kind, dessen Grosseltern also missbraucht wurden, wird die Scheidung seiner Eltern, eine Kriegs- oder andere Stresssituationen aus genetischen Gründen schlechter verarbeiten. Die Folge: Das Kind oder der ­Jugendliche wird verhaltens­auffällig, agressiv oder gar gewalttätig.

Doch Moffitt hält fest: «Eine ungünstige Gen-Kombination führt nicht zwingend zu Verhaltensstörungen, denn man kann die Gene auch positiv beeinflussen.» Dies widerspricht der bisherigen Annahme, dass man seinen Genen ausgeliefert ist. «Indem man betroffenen Kindern besonders viel Zuwendung und Liebe schenkt, können die negativen Auswirkungen gemindert werden», sagt Moffitt. Sie plädiert für Investitionen in die Früherkennung und professionelle Behandlung von verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen. So sei es möglich, einen Grossteil der psychischen Erkrankungen im Erwachsenenalter von vornherein zu verhindern.

Moffitt erhält Grawe-Preis

Im Rahmen eines Kongresses für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Zürich verleiht die Klaus-Grawe-Stiftung heute den mit 10000 Euro dotierten Klaus-Grawe-Forschungspreis 2009 an Terrie E. Moffitt. Die Britin erhält den Preis für ihre Untersuchungen, die erstmals auf eine eindeutige Wechselwirkung von genetischen Veranlagungen und Umwelteinflüssen bei der Entstehung von psychischen Störungen hinweisen. Moffitt ist Professorin am psychiatrischen Institut King's College London und an der Duke University (USA).

Terrie Moffitt hält am 21. Mai 2009 um 18.30 Uhr in der Aula des Haupt­gebäudes der Universität Zürich einen öffentlichen Vortrag. Mehr Infos dazu unter www.grawe.ch

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