Starfotograf Albert Watson«Modemagazine sind reine Fantasie – wie Superman»
Supermodels, Rockstars, Politiker, Hollywood-Legenden – alle haben sie für Albert Watson posiert. Der Superstar der Fotografie über Photoshop, Jack Nicholson und Hitchcocks Gans.
Herr Watson, Sie haben 1973 Alfred Hitchcock mit einer toten Gans in der Hand fotografiert und wurden über Nacht weltberühmt. Wie kam es zu diesem ungewöhnlichen Bild?
Alfred Watson: Alfred Hitchcock war ein Gourmet. Wenn er keine Filme drehte, stand er am liebsten in der Küche und kochte, wobei er gerne experimentierte. In der Weihnachtsausgabe von «Harper's Bazaar» sollte er sein Rezept für die gebratene Gans vorstellen. Der vorgegebene Original-Titel lautete «Alfred Hitchcock Cooks His Own Goose». Das Wortspiel traf den Nagel auf den Kopf, denn «to cook his own goose» [deutsch: seine eigene Gans kochen] bedeutet «sich selber in Schwierigkeiten bringen». Die Frage lautete deshalb: Bringt sich Hitchcock in Schwierigkeiten, weil er die Gans nach seinem eigenen Rezept kocht und nicht einen Chefkoch dafür einstellt? Das Team von «Harper's Bazaar» wollte die Gans auf einem Teller präsentieren, aber ich fand es lustiger, wenn Hitchcock die tote Gans in der Hand halten würde, als hätte er sie soeben erwürgt. Hitchcock fand die Idee genial und spielte mit. Er liebte es, fotografiert zu werden.
Unzählige Hollywood-Stars haben für Sie posiert. Wer hat Sie am meisten beeindruckt?
Jack Nicholson und Johnny Depp. Sie sind lustig, charmant und interessant zu fotografieren. Sie wissen, wie wichtig Fotos für ihre PR-Arbeit sind, vor allem wenn ein Magazin eine Millionen-Auflage hat. Jack Nicholson ist faszinierend, weil er sehr charismatisch und intelligent ist. Bei ihm hat man nicht das Gefühl, dass er schauspielert. Für ihn scheint Posieren das Natürlichste der Welt zu sein.
Sie hatten auch alle Supermodels vor der Kamera. Wer war Ihre Favoritin?
Ich habe so viele unterschiedliche Frauen fotografiert: Veruschka, Christy Turlington, Kate Moss, Naomi Campbell. Viele von ihnen waren sehr gute Models, wie zum Beispiel Christy Turlington – ich liebte es, mit ihr zusammenzuarbeiten.
Weshalb? Weil sie so wandlungsfähig ist?
Wenn man Nicole Kidman fotografiert, stellt man fest, dass sie kein besonders gutes Model ist. Weshalb sollte sie? Sie ist ja schliesslich Schauspielerin. Christy Turlington und andere Models hingegen wissen sehr gut, wie eine Fotokamera funktioniert. Sie haben ein Gespür für Bewegung und Räumlichkeit. Deshalb sind sie einfacher zu fotografieren.
Hatten Sie nie Streit mit Chefredaktoren von Modemagazinen? Zum Beispiel weil sie Ihre Fotos zu sehr mit Photoshop bearbeiten liessen?
Ich stritt mich sehr oft mit Chefredaktoren. Photoshop war jedoch nie der Grund dafür, die Fotos von meinem Studioteam bearbeitet werden. Ein Modemagazin ist reine Fantasie – wie Superman und andere Comicfiguren. Wir sehen Superman im Film fliegen und akzeptieren das, obwohl wir wissen, dass kein Mensch fliegen kann. Mode basiert auf dem Unerreichbaren und dem Perfekten. Das Gesicht und der Körper sind perfekt – dank Photoshop, das diese Fantasiewelt ermöglicht und fördert.
Sie haben 250 «Vogue»-Covers fotografiert und gelten als einer der grössten Modefotografen. Wie sehen Sie sich selbst?
Ich bin kein Modefotograf, sondern ein Fotograf, der im Modebusiness arbeitet. Auch Richard Avedon und Irving Penn würde ich als Fotografen und nicht als Modefotografen bezeichnen. Dies im Gegensatz zu Steven Meisel, der aus Liebe zur Mode Fashionfotograf geworden ist und auch das Talent eines Art Directors besitzt. Es war nicht die Liebe zur Mode, die mich zur Modefotografie geführt hat, sondern die vielen Möglichkeiten, die sie bot. In erster Linie das Fotografieren schöner Frauen und die Zusammenarbeit mit Menschen. Als Location boten sich nicht nur Studios an, ich reiste um die ganze Welt – auch in die Wüste oder auf Berge. Ich habe mich jedoch zuerst in die Materie eingearbeitet und mich intensiv mit Modegeschichte, Designern, Stoffen usw. befasst.
Auch Ihre Fotoreportagen aus Marokko und Benin sind faszinierend. Die Menschen aus einfachen Verhältnissen strahlen Stolz, Würde und Selbstsicherheit aus. Wie kam es zu dieser Arbeit?
Der Bildband «Maroc» wurde vom heutigen marokkanischen König Mohammed VI., der damals noch Prinz war, in Auftrag gegeben. Als er das Foto eines Gepäckträgers im Souk in Marrakesch sah, drehte er sich zu mir und sagte: «Auf Ihrem Foto sieht er aus wie ein König.» Das war ein schönes Kompliment.
Albert Watson im Interview bei seiner Ausstellung in Hamburg im Jahr 2012 (Video: YouTube, Kulturjournal, NDR)
Albert Watson
Albert Watson wurde 1942 in Edinburgh (Schottland) geboren. Seit seiner Geburt ist er auf einem Auge blind. Er studierte Grafikdesign, Fotografie, Film und TV. 1970 zog er mit seiner Frau Elizabeth nach Los Angeles, wo er als Fotograf zu arbeiten begann. Für die Weihnachtsausgabe von «Harper's Bazaar» fotografierte er 1973 Alfred Hitchcock mit einer toten Gans in der Hand und schaffte mit diesem Foto den internationalen Durchbruch. 1976 beauftragte ihn «Vogue» für ein Shooting. Im gleichen Jahr zog Watson nach New York und wurde in den darauffolgenden Jahrzehnten zu einem der erfolgreichsten Fotografen. Allein für «Vogue» fotografierte er 250 Covers. Er drehte zudem über 500 Werbespots und fotografierte an zahlreichen Filmsets (z. B. «Kill Bill», «Die Geisha» und «Sakrileg»).
Watsons Fotografien sind in vielen Museen und Galerien ausgestellt. Er hat mehrere Fotobände veröffentlicht u. a. «Cyclops» (1994), «Maroc» (1998), «Albert Watson» (2007), «UFO: Unified Fashion Objectives» (2010) sowie «Strip Search» (2010). Derzeit arbeitet er am Projekt «Roadkillers», für welches er unveröffentlichte Fotos bearbeiten und 2013 als Bildband veröffentlichen will. Ein weiterer neuer Bildband ist derzeit beim Taschen-Verlag in Bearbeitung.