Staaten-BlogSchweizerischer als die Schweiz
Kuhglocken, Raclette und Alphörner: Schweizer Siedler haben in Wisconsin deutliche Spuren hinterlassen. Jodeln ist sogar ein Schulfach.
Wisconsin liegt an den Great Lakes, ganz im Norden der USA. Der Staat wurde massgeblich durch deutsche Einwanderer geprägt, die zahlreiche Farmen auf dem fruchtbaren Ackerland errichteten und Bier und Käse zu einem wichtigen Exportgut machten. Aber im Süden des Staates, vierzig Autominuten entfernt von der Hauptstadt Madison, wehen ganz plötzlich überall Schweizerfahnen, es ertönen Kuhglocken und der herbe Duft von Raclette und Fondue liegt in der Luft. Ein Schild an der Strasse begrüsst die Durchreisenden: «Welcome to New Glarus, America's little Switzerland».
Die Region um New Glarus ähnelt tatsächlich den Schweizer Voralpen. Hügelig und bewaldet, bespickt mit weidenden schwarz-weissen und braunen Kühen. Grosse Reklamentafeln mit Alphörnern und Heidi-Festival-Infos tauchen auf, gefolgt von Briefkästen mit der Anschrift von Familiennamen wie Vogel, Elmer, Stüssi und Wälti. Die Stadt ist eine einzige Chaletsiedlung. Geranien blühen auf den Balkonen und überall wehen Schweizer respektive Glarner Fähnchen. Die Erwachsenen sprechen Schweizerdeutsch und Hochdeutsch, und die Kinder verkünden stolz, dass sie in der Schule das Jodeln erlernen. Das Dorf hat einen eigenen Alphornverein, führt jährlich ein Wilhelm-Tell-Festival durch und feiert den 1. August ebenso ausgelassen wie den 4. Juli.
Käsekultur importiert
Im 19. Jahrhundert war es die wirtschaftliche Not in der Schweiz, die dafür sorgte, dass viele Menschen in die USA auswanderten. Die Kartoffelseuche im Kanton Glarus veranlasste viele Glarner, ihr Hab und Gut zu packen und ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu ziehen. Südlich von Madison gründeten sie New Glarus und vererbten die Schweizer Traditionen über Generationen. Sogar die Kunst der Käseherstellung haben die Einwanderer mitgebracht und ganz Wisconsin in den «Cheese State» der USA verwandelt.
Rösti und Bratwurst gehören ebenso wie Raclette und Käsefondue zu den Hauptspeisen in New Glarus. Mehrmals jährlich kommt eine Glarner Musikkapelle zu Besuch, wann immer wichtige oder traditionelle Events anstehen, wie zum Beispiel die Miss New Glarus Wahl, bei welcher die Siegerinnen klangvolle Namen wie Gmür, Brunner und Stücheli besitzen. So kitschig alles erscheint, in New Glarus ist der Stolz auf die eigene Herkunft echt und die vielen Chalets und schweizerisch geprägten Restaurants sind eine Hommage an die Emigranten von damals. Ob im Sommer oder Winter – in New Glarus wird es einem als Schweizer immer warm ums Herz.
Deutsche Braukunst und amerikanisches Freiheitsgefühl
Ungefähr 85 Kilometer östlich von New Glarus erreicht man Milwaukee, eine Stadt welche Mitte des 19. Jahrhunderts von deutschen Auswanderern geprägt wurde. Mit zahlreichen Brauereien wie der Miller Brewery förderten sie den Aufschwung der Stadt am Lake Michigan. Die Brauerei kann besichtigt werden und ein frisch gezapftes Bier am Ende der Führung ist garantiert. Unweit davon entfernt beflügelte einst auch ein anderer All-American-Brand die Metropole; die Harley-Davidson- Motorradwerke. Wahre Biker dürfen einen Besuch im Harley-Museum auf keinen Fall verpassen. Über 450 Motorräder sind hier ausgestellt. Unter den Raritäten befinden sich auch Arnold Schwarzeneggers Harley aus Terminator 2 sowie die «Easy Rider»-Bikes von Peter Fonda und Dennis Hopper.

Der 30-jährige Pascal Meister hat mehrere Jahre in den USA gelebt und gearbeitet. 2006 ist er die legendäre Route 66 abgefahren und hat auf seinen alljährlichen USA-Besuchen mittlerweile das ganze Land bereist. In loser Folge berichtet er über die Eigenheiten, Schönheiten und Besonderheiten der 50 Bundesstaaten.