Tasche leer

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Tasche leer

Fast eine Milliarde Sackgeld verjubeln die Jugendlichen in der Schweiz pro Jahr. 20 Minuten week hat die Kids von heute zu ihrem Konsumverhalten befragt.

Sackgeld ist ein Dauerärger. Die anderen haben immer mehr, und reichen tut es nie. Trotzdem sagt Sandra* aus Zürich mit ernsthafter Bescheidenheit: «20 Franken im Monat finde ich angemessen.» Da staunt man. Denn: Sandra gibt pro Monat 150 Franken für Kleider und Schuhe aus, noch mal so viel für Körperpflege und 190 Franken für Handy, Ausgang und Ähnliches. Aber da die Mutter dies bezahlt, rechnet sie es nicht zum Taschengeld.

Samira in Solothurn hingegen kommt tatsächlich mit einem bescheidenen Betrag aus: 100 Franken. Je 20 gehen weg für Klamotten, Handy und Körperpflege, 30 für den Ausgang und 10 Stutz fürs Kino. Dieser Unterschied zwischen Stadt und Land zeigt sich auch in anderen Punkten. Samira und Sandra sind beide modisch gekleidet. Weil Sandra aber im Shopping-Paradies Zürich lebt, muss es bei ihr der letzte (Marken-)Schrei sein. Das geht natürlich ins Geld — und davon haben die 16-jährigen mehr denn je. 313 Franken stehen ihnen laut einer Studie monatlich zur Verfügung. Das ist ein Plus von 10 Prozent gegenüber 1994. Trotzdem gehört Verschuldung inzwischen zum jugendlichen Risikoverhalten, und Zürcher Betreibungsbeamte ziehen auf Präventionstour durch die Klassenzimmer. Schliesslich geraten 80 Prozent aller verschuldeten Erwachsenen bereits vor dem 25. Lebensjahr in die Miesen.

Oft wird beklagt, ruinöses Verhalten hänge mit der Angst vor Ausgrenzung zusammen. Gerade Eltern mit Migrationshintergrund sparen sich schon mal Markenkleider für den Nachwuchs vom Mund ab. Das reicht als Erklärung jedoch nicht aus. Seit den Neunzigern leben wir in einer Gesellschaft, in der Schulden fast schon zum guten Ton gehören: Mit geliehenem Geld soll man an der Börse spekulieren, und die Volkswirtschaft brummt dank Leasing. Gehen also die Eltern mit schlechtem Beispiel voran?

Zumindest in einem Punkt sind sie mitschuldig an der finanziellen Blauäugigkeit. Das zeigt ein Besuch in den Klassen von Samira und Sandra: In Solothurn kalkulieren fast alle mit harten Zahlen, in Zürich hingegen erhält kaum jemand ein fixes Taschengeld. Entsprechend schwammig wird gerechnet. Wenigstens aus dieser Warte macht die harte Schule Sinn, die für den 17-jährigen Cyrill gilt. Der Solothurner erhält im Monat 40 Franken Taschengeld. Was er sonst noch braucht für Handy, CDs, Essen und Ausgang verdient er sich mit Ferienjobs dazu. Auf dem Bau.

Fragt man genauer nach, geben die Jugendlichen zwar in beiden Klassen an, etwas dazuzuverdienen, sei es mit Babysitten, Hauswarten, Veloflicken, Zeitungen austragen oder Putzen. Es scheint ihnen allerdings peinlich, denn in der reichen Schweiz darf man Geld nicht verdienen – man hat es zu haben. Und noch etwas haben die hier porträtierten Jugendlichen gemeinsam: Über Schulden schweigen sie gutschweizerisch.

*Name der Redaktion bekannt

Mirjam 16 Jahre

Taschengeld pro Monat: 50 Franken

Nebenjobs: Hin und wieder

Kosten pro Monat für Kleider: 50.–

CDs/Unterhaltungselektronik: 20.–

Ausgang: 50.–

Handy: 30.–

ÖV: 10.–

Essen: 30.–

Kino: 7.–

Körperpflege: 30.–

Total: 227.–

Sebastian 17 Jahre

Taschengeld pro Monat: 90 Franken

Nebenjobs: keine

Kosten pro Monat für

Kleider: 50.–

CDs/Unterhaltungselektronik: 0.–

Ausgang: 20.– bis 40.–

Handy: wird bezahlt

ÖV: abo wird bezahlt

Essen: 160.–, wird bezahlt

Kino: 20.–

Körperpflege: 30.–

Total: 280.– bis 300.-

Jenny 16 Jahre

Taschengeld pro Monat: 200 Franken

Nebenjobs: Babysitten

Kosten pro Monat für

Kleider: 70.– bis 100.–

CDs/Unterhaltungselektronik: 30.–

Ausgang: 50.– bis 60.–

Handy: kein Handy

ÖV: 15.–

Essen: 0.–

Kino: 15.–

Körperpflege: wird bezahlt

Total: 180.– bis 220.-

Cyrill 17 Jahre

Taschengeld pro Monat: 40 Franken

Nebenjobs: auf dem Bau

Kosten pro Monat für

Kleider: 30.–

CDs/Unterhaltungselektronik: 40.–

Ausgang: 25.–

Handy: 35.–

ÖV: Abo wird bezahlt

Essen: 100.–

Kino: 15.–

Körperpflege: wird bezahlt

Total: 245.–

Samira 16 Jahre

Taschengeld pro Monat: 100 Franken

Nebenjobs: nein

Kosten pro Monat für

Kleider: 20.–

CDs/Unterhaltungselektronik: 0.–

Ausgang: 30.–

Handy: 20.–

ÖV: 0.–

Essen: 0.–

Kino: 10.–

Körperpflege: 20.–

Total: 100.–i>

Silvano Cerutti

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