Verzweifelte Singles«Suche Vorzeige-Freund mit guten Manieren»
Das chinesische Neujahr stellt viele Singles vor ein Dilemma: Wie gaukeln sie ihren Eltern das Liebesglück vor? Die Antwort lautet «Lover-Leasing».

Ein junges Paar in der Einkaufsmeile Wangfujing in Peking. Solche Bilder wollen chinesische Eltern sehen.
Guo Jiaju ist am Tiefpunkt seines Lebens angelangt: Sein IT-Unternehmen ist Pleite gegangen und seine Freundin hat ihm den Laufpass gegeben. Zu allem Übel will sein todkranker Vater auch noch seine zukünftige Frau sehen. Um ihm seinen letzten Wunsch zu erfüllen, heuert der gescheiterte Jungunternehmer kurzerhand eine Prostituierte an, die er als seine Verlobte ausgibt.
Guo Jiaju ist die Hauptfigur des chinesischen Films «Der Vertrag» aus dem Jahr 2006. Die Handlung ist frei erfunden, nimmt aber auf ein Thema Bezug, das in China in den letzten Jahren zu einem eigentlichen Trend geworden ist: das «Lover-Leasing».
Für Millionen Chinesen ist das Neujahrs- oder Frühlingsfest (2012 fällt es auf den 23.01.) die einzige Möglichkeit im ganzen Jahr, ihre Familie zu sehen. Ein Grund zur Freude, könnte man meinen. Doch der Schein trügt. Für viele Singles im heiratsfähigen Alter kommt das «glücklichste Fest des Jahres» eher einem Spiessrutenlauf gleich, müssen sie doch von den besorgten Eltern und den neugierigen Verwandten immer wieder die Mutter aller Fragen über sich ergehen lassen: «Wann heiratest du endlich?»
Angst vor sozialer Ächtung
Im Reich der Mitte gelten Heirat und Familie als sakrosankt. Von einem Mann wird ein Stammhalter erwartet, der den Fortbestand der Familie gewährleistet. Von einer Frau die Heirat mit einem möglichst angesehenen und wohlhabenden Mann. Ledige im besten Alter werden schräg angeschaut – besonders Frauen. Singlefrauen über 30 werden mit «Essensresten» verglichen und für abnormal oder krank gehalten.
Die Angst, als «alte Jungfer» zu enden und Spott und Hohn über die eigene Familie zu bringen, hängt wie ein Damoklesschwert über den ledigen Chinesinnen Ende 20 und ihren Eltern. Möglichst rasch unter die Haube zu kommen, um das Gesicht der Familie zu wahren und sozialer Ächtung zu entgehen, ist in ihrem Alter oft das Einzige was zählt. Für Gefühle bleibt wenig Platz.
Die seit 1979 praktizierte Ein-Kind-Politik setzt die Singles noch mehr unter Druck, weil viele von ihnen Einzelkinder sind und alle Hoffnungen der Eltern auf ihnen ruhen. Bohrende Fragen nach ihrem Privatleben – vor allem während dem Frühlingsfest – sind die logische Konsequenz. Um dem Liebesglück auf die Sprünge zu helfen, vereinbaren die besorgten Eltern für ihre Sprösslinge nicht selten Blind Dates gegen deren Willen.
Den Eltern verpflichtet
Wie unangenehm das sein kann, weiss Gu Yiling aus der Provinz Jiangsu nur zu gut. Um der lästigen Fragerei über ihr Privatleben auszuweichen, will die 29-jährige Buchhalterin zum diesjährigen Frühlingsfest am 23. Januar gar nicht nach Hause gehen. Yilings Verhalten ist jedoch nicht die Regel. Die meisten Kinder fühlen sich ihren Eltern gegenüber wie von Konfuzius vor 2500 Jahren gepredigt zu tiefstem Gehorsam verpflichtet. Ihre Eltern zu täuschen, ist für sie naheliegender, als sie zu enttäuschen – erst recht während dem Frühlingsfest.
Wie unzählige andere junge Chinesen hat auch Lili Wu noch nicht den Mut gefunden, das konfuzianische Korsett der kindlichen Pietät ganz abzustreifen. Die 29-Jährige aus der südchinesischen Provinz Hunan möchte ihre Familie über die Festtage unbedingt besuchen. Doch für sie gilt: «Ohne Mann kein Frühlingsfest zu Hause.» Ihre Mutter würde sich den Verwandten gegenüber schämen, dass ihre 29-jährige Tochter noch immer keinen Freund habe, schreibt Lili in ihrem Inserat im Webportal The Beijinger.
Mit ihrer Suche nach einem «Freund» fürs Neujahrsfest steht sie bei weitem nicht alleine da. Die chinesischen Internetforen sind voll mit Inseraten von Frauen und Männern, die verzweifelt nach einem Vorzeigepartner suchen, um ihre Eltern zufrieden zu stellen und den Familienfrieden wenigstens während den wichtigsten Tagen des Jahres zu wahren.
Die Online-Inserentin «Sunday007» lockt mit einer zweitägigen Gratisreise zu sich nach Hause. Transportkosten, Unterkunft und Verpflegung inklusive. Einzige Anforderung an ihren Auserwählten: zwischen 25 und 35 Jahre alt. Eine andere Internet-Userin sucht einen 170 bis 180 Zentimeter grossen Kerl mit guten Manieren – vorzugsweise einen Brillenträger, da ihr Vater eine Brille als Zeichen für Intelligenz erachtet.
Sex ausgeschlossen
Chen Er, ein 30-jähriger Webeditor aus der Provinz Jiangsu, ist bereit, seiner «Freundin» neben den Reisekosten, freier Kost und Logis pro Tag noch ein Sackgeld von 200 RMB (30 Franken) zu bezahlen. Ein Klacks gegen die 10 000 RMB (1500 Franken), die eine Studentin der Peking-Universität vor drei Jahren für einen «Freund» für den Neujahrsabend bot, weil sie sonst zu Hause unerwünscht gewesen wäre.
Damit der erfolgreiche Kandidat auch ja nicht auf dumme Gedanken kam, fügte sie ihrem Inserat in Klammern vorsichtshalber hinzu: «Über Nacht zu bleiben nicht notwendig.» Auch für An Yu sind Liebesdienste absolut tabu. Wie die englischsprachige «China Daily» berichtet, will sich der Student aus Nordchina während dem Frühlingsfest als Freund vermieten, um seiner verschuldeten Familie zu helfen.
Keine pekuniären Interessen hat Ma Ying. Der 24-jährige Shanghaier bietet sich als «Temporär-Freund» an, um Erfahrungen für die in China so wichtige erste Begegnung mit den Eltern seiner Zukünftigen zu sammeln. Andere wie der 28-jährige Jake Lin aus Shijiazhuang erhoffen sich gar, dass aus dem temporären Mietverhältnis wider Erwarten eine langfristige Beziehung entsteht.
Zumindest der Film «Der Vertrag» nährt diese Hoffnung nicht. Zwar fliegt der Schwindel von Guo Jiaju nicht auf, doch ein Happy End zwischen ihm und der Prostituierten wie im Hollywood-Hit «Pretty Woman» gibt es nicht.