«Unter jedem Bart steht made in England»

Aktualisiert

Alte Feindschaft«Unter jedem Bart steht made in England»

Anfeindungen gegen die USA und Israel ist man sich aus dem Iran gewöhnt. Der Sturm auf die britische Botschaft hingegen gründet auf Ressentiments, deren Wurzeln 200 Jahre zurück liegen.

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Die USA heissen im revolutionären Jargon der Islamischen Republik Iran «Grosser Satan», Israel «Kleiner Satan». Die Führung in Teheran zelebriert die Feindschaft mit diesen beiden seit Jahr und Tag mit viel Leidenschaft. Doch einige, vor allem ältere Iraner vermuten eine andere Macht hinter allem Bösen dieser Welt: Grossbritannien. Dass die iranischen Behörden am Dienstag einige Hitzköpfe auf dessen Botschaftsareal wüten liessen, ist darum nicht weiter erstaunlich. Parlamentspräsident Ali Laridschani verwies in diesem Zusammenhang auf den Zorn der Studenten infolge «von mehreren Jahrzehnten Dominierungsversuchen Grossbritanniens».

Anti-britische Ressentiments in Iran reichen weit zurück. Im als «Great Game» bezeichneten Konflikt zwischen Grossbritannien und Russland um die Vorherrschaft in Zentralasien kam das Land zu Beginn des 19. Jahrhunderts unter die Räder der Grossmächte. Nach seiner Niederlage im Anglo-Persischen Krieg 1857 geriet es zunehmend unter britischen Einfluss. 1872 unterzeichnete der schwache und bankrotte Schah von Persien die sogenannten Reuters-Konzessionen, die Grossbritannien unter anderem die Kontrolle über Eisenbahn und Bergbau im Iran übertrugen. Der einflussreiche Generalgouverneur von Indien, Lord Curzon, nannte das Abkommen «die vollständigste und aussergewöhnlichste Aufgabe der gesamten industriellen Ressourcen eines Königreichs in fremde Hände, die man sich erträumen kann».

Putsch von MI6 und CIA

Das für das britisch-iranische Verhältnis folgenschwerste Ereignis war jedoch die Entdeckung von Erdöl im Südiran, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts faktisch von britischen Truppen besetzt war. Die Einnahmen der Anglo-Persian Oil Company (heute BP) flossen praktisch gänzlich nach London. Die Gesellschaft war so mächtig, dass die Zentralregierung in Teheran nicht einmal Minister ohne deren Zustimmung ernennen konnte. Als der populäre iranische Premierminister Mohammad Mossadegh dem Treiben 1951 ein Ende setzte und die Erdölindustrie verstaatlichte, eskalierten die Animositäten.

Grossbritannien zog seine Arbeiter aus Abadan ab und verhängte ein Erdölembargo gegen den Iran. Nachdem juristische Schritte vor der UNO und dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag gescheitert waren, zettelte der amerikanische Auslandgeheimdienst CIA auf Anraten der Briten einen Putsch gegen Mossadegh an. Daraufhin kehrte der zuvor ins Exil geflüchtete Schah Mohammad Reza Pahlawi zurück, der anschliessend seine vom Westen gestützte Diktatur errichtete, die erst durch die Revolution von 1979 beendet wurde. Diesen Verrat haben viele Iraner weder den USA noch Grossbritannien bis heute verziehen.

Komplexe und Verschwörungstheorien

Für den iranischen Klerus, der nach 1979 die Macht ergriff, ist der Einsatz der Anti-England-Keule nicht ohne Brisanz: Prominente Vertreter der Geistlichkeit, darunter der damalige Parlamentspräsident Ajatollah Kaschani, hatten sich 1953 ebenfalls von Mossadegh abgewendet und so dem britisch-amerikanischen Putsch zum Erfolg verholfen. Aus dieser Zeit stammt ein alter iranischer Witz, wonach unter jedem Bart eines Mullahs die Worte «Made in England» stehen.

Einigen Iranern war nicht entgangen, dass das britische Empire seinen Zenit schon damals überschritten hatte und längst nicht mehr wie zu Zeiten des Imperialismus in aller Welt die Fäden zog. Dass viele ihrer Landsleute trotzdem an eine herausragende Rolle Grossbritanniens in der Weltpolitik und entsprechende Verschwörungstheorien glaubten, verarbeiteten sie mit der Zeit auch satirisch. Eine Fernsehserie aus den 1970er Jahren über ein tyrannisches Familenoberhaupt, das buchstäblich hinter jedem Ereignis eine britische Hand vermutete, geniesst bis heute Kultstatus im Iran.

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