«Egoistische Manager sägen am Ast, auf dem sie sitzen»
Die Kontroverse um die absurd hohen Löhne gewisser Manager und die Sorge um den eigenen Lohn haben dieses Jahr deutlich mehr Leute an die Kundgebungen zum Tag der Arbeit getrieben. Gewerkschafter Pedrina prangerte in Winterthur die «Abzockersaläre» an.
Rund 5000 Personen nahmen bei sonnigem Wetter am friedlichen und farbigen 1.-Mai-Umzug durch die Innenstadt teil. Viele Familien mit Kindern waren vom Central über Bürkli- und Paradeplatz zur Hauptkundgebung auf dem Helvetiaplatz unterwegs.
Vor allem die zahlreichen Ausländer-Gruppierungen setzten sich lautstark in Szene. Auffallend war eine Gruppe von etwa 200 Iranern, die gegen das Regime in ihrem Land, gegen die Atombombe und für die Freilassung von politischen Gefangenen demonstrierten.
Vereinzelte Sprayereien
Unter die Umzugsteilnehmerinnen und -teilnehmer mischten sich nur wenige Vermummte. Diese versprayten allerdings vereinzelt Gebäude und Schaufenster. Gemäss Polizei marschierten rund 200 Personen vom so genannten «Revolutionären Block» mit.
Beim Paradeplatz wollte die Polizei zunächst eine Aktion auf der Tramhaltestelle mit drei als Banker verkleideten Demonstranten verhindern, sie liess die Akteure dann aber gewähren.
Schüepp: Gute Konjunktur für Lohnerhöhungen nutzen
Bei Arbeitskämpfen gehe es oft auch um die Frage der Würde, aber auch des Wertes und der Anerkennung der geleisteten Arbeit, sagte die Gewerkschafterin Doris Schüepp an der offiziellen Schlusskundgebung auf dem Helvetiaplatz.
Nach 12 Jahren, in denen sich die Löhne kaum von der Stelle bewegt hätten, sei es angesichts von teils explodierenden Unternehmensgewinnen an der Zeit, dass die realen Einkommen stiegen- nicht nur die der Kader, sondern auch jene der Normalverdienenden.
Die gute Konjunktur müsse genutzt werden, dem Ziel der Lohngleichheit von Mann und Frau endlich deutlich näher zu kommen. Seit 25 Jahren hätten die Frauen den verfassungsmässigen Anspruch auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit, sie verdienten aber pro Jahr im Durchschnitt 20 Prozent oder 15 000 Franken weniger. Im Laufe eines 40-jährigen Berufsjahres seien dies immerhin über 600 000 Franken.
Die Empörung über die Spitzengehälter von Managern sei keine Frage des Neides, betonte Schüepp. Bei der Forderung, die Lohnschere zwischen Spitzen- und Normalverdienenden wieder zu schliessen, gehe es darum, Gerechtigkeit zu schaffen und neben Marktwerten auch moralische und soziale Werte zu berücksichtigen.
«Gierkranke Wirtschaft»
An der Maifeier in Bern stellte Christian Levrat, Vizepräsident des Gewerkschaftsbundes, fest, die Schweizer Wirtschaft sei «gierkrank». Aktionäre und Manager heimsten alle Gewinne für sich ein und liessen den Beschäftigten nichts übrig, sagte der Freiburger SP-Nationalrat vor rund 1800 Zuhörern.
Den ersten Schritt zur Besserung sieht er in einer generellen Lohnerhöhung. Für das laufende Jahr kündigte er denn auch «unerbittlich harte Verhandlungen» im Kampf um höhere Löhne an.
In seiner Funktion als Präsident der Gewerkschaft Kommunikation knöpfte sich Levrat die Bundesräte Christoph Blocher und Hans-Rudolf Merz vor. Er könne sich nicht erklären, dass sie via Verkauf der Swisscom jedes Jahr 500 Mio. Schulden abbauen wollten, wo diese doch dem Bund heute dreimal mehr einbringe.
Kampf für eine solidarische Schweiz
An der Maifeier in Winterthur forderte Unia-Co-Präsident Vasco Pedrina laut Redetext Gegensteuer. Der Weg müsse fort von einer unsozialen, egoistischen und abschottenden Politik und zu einer solidarischen und offenen Schweiz führen.
Arbeitskämpfe häuften sich im Vergleich zu früher tatsächlich, aber nicht weil die Gewerkschaften streikfreudiger geworden seien. Vielmehr stünden Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer einer neuen Generation von Firmenbossen gegenüber, denen sozialer Ausgleich, Sozialpartnerschaft und Respekt vor den Beschäftigten fremd seien.
Fehr: Rückschritte vermeiden
In Bülach ZH plädierte SP-Parteipräsident Hans-Jürg Fehr für eine weltoffene und soziale Schweiz. «Aber diese wird uns nicht geschenkt», hiess es in seinem Redetext. Es gelte, dafür zu kämpfen.
Sozialstaat, Service Public und humanitäre Tradition seien zu einem grossen Teil Errungenschaften der sozialdemokratischen Bewegung. Wenn SP und Gewerkschaften diese Werte verteidigten, täten sie dies nicht, um Fortschritte zu verhindern, wie es ihnen die Bürgerlichen vorwürfen, sondern um Rückschritte zu vermeiden.
«Egoistische Manager sägen am Ast, auf dem sie sitzen»
Mit rücksickslosem Egoismus und Menschen verachtender Gier nach Geld und Macht säge die neue Generation von Managern selbst am Ast, auf dem sie sitze, sagte Unia-Kopräsident Vasco Pedrina an der 1.-Mai-Feier in Winterthur.
Rund 600 Personen nahmen an der Kundgebung teil. Etwa 100 Autonome sind dem Umzug vorausgegangen, haben ihn aber nicht allzu stark gestört.
Schuld an den sich häufenden Arbeitskämpfen in der Schweiz seien nicht radikaler gewordene Arbeitnehmende, sondern die Manager und Bosse mit ihren «Abzockersalären», denen Sozialpartnerschaft, sozialer Ausgleich und Respekt vor den Beschäftigten fremd sei, sagte Pedrina.
Sie reduzierten Sozialpartnerschaft auf die Friedenspflicht, schüttelten den sozialen Ausgleich als lästiges Hindernis auf dem Weg zu noch höherer Rendite ab und behandelten ihre Beschäftigten als reine Kostenfaktoren. Doch diese neue von Rücksichtslosigkeit, Egoismus und Kurzsichtigkeit geprägte Unternehmer-Haltung habe keine Zukunft.
Sozialer Friede ohne sozialen Ausgleich gebe es nicht, sagte der Gewerkschaftschef. Produktivität, Umsätze und Gewinne stiegen, also sei es höchste Zeit, dass diejenigen, die für diesen Aufschwung geackert und sich in den Jahren der Stagnation bescheiden gezeigt hätten, auch ihren Anteil bekämen.
Dies gelte für alle Büezer, aber insbesondere auch für die Frauen. Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit sei nämlich nicht nur ein 1.-Mai-Slogan, sondern eine Grundvoraussetzung für soziale Gerechtigkeit.
Die Fratze des Klassenkampfes von oben
Wirtschaftliche Prosperität und sozialer Friede hätten, über Jahrzehnte das Image der Schweiz geprägt, sagte Pedrina weiter. Im Ausland halte sich dieses Image noch immer hartnäckig, unter dem bröckelnden Lack sei aber längst «die hässliche Fratze des Klassenkampfes von oben» sichtbar geworden.
Das neoliberale Experiment habe ein paar wenige Gewinner, aber Heerscharen von Verlierern hervorgebracht. Bei diesen gewännen aber die alten Werte des 1. Mai wie Solidarität, echte Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden wieder an Bedeutung.
Es gehe nun darum, die Gunst der Stunde zu nutzen und diese alten Werte in neue Taten umzusetzen, rief Pedrina den Kundgebungsteilnehmerinnen und -teilnehmern zu. (sda)