Al Kaida: Kriegserklärung an Deutschland

Aktualisiert

Al Kaida: Kriegserklärung an Deutschland

Auf dem neuesten Al Kaida-Video, direkt neben Bin-Laden-Stellvertreter Aiman al Sawahiri, lächeln als Zielscheiben Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihre 15 Kabinettsmitglieder. Die deutsche Politik nimmt die Sache sehr ernst.

Der deutsche Innenminister Schäuble hält nach den Drohungen von Islamisten Terroranschläge auch in Deutschland für möglich. «Wir sind Teil eines weltweiten Gefahrenraums und genauso bedroht wie die Spanier, die Engländer oder andere auch», sagte Schäuble im Inforadio vom Rundfunk Berlin-Brandenburg.

Die Entführer zweier deutscher Geiseln im Irak sowie eine Gruppe von Islamisten hatten am Wochenende in zwei Videobotschaften Deutschland zum Abzug seiner Truppen aus Afghanistan aufgefordert. Schäuble machte klar, dass der Einsatz der Bundeswehr sowie die Polizeiausbildung am Hindukusch fortgeführt werde. Die Bundesrepublik dürfe sich dabei «nicht erpressen lassen».

Kenner sind überrascht und irritiert von der hohen Qualität, die die Terrororganisation Al Kaida im Internet mittlerweile auszeichnet. Und auch die Tatsache, dass das Video der Geiselnehmer, die zwei Deutsche in ihrer Gewalt haben, und das Video mit den Anschlagsdrohungen binnen 24 Stunden auf derselben Website auftauchten, beunruhigt die Fachleute. Terrorismus-Experte Rolf Tophoven: «Die Koordination von Droh- und Geiselvideo zeugt von hohem medialem Professionalismus. Das sieht mir nach einer perfekt inszenierten Aktion aus, um Druck zu machen.»

Alarmiert ist Tophoven von der seit längerem bekannten, aber häufig vernachlässigten Tatsache, dass hinter den Drohungen keine zentral gesteuerte Organisation mehr steht wie bei den Anschlägen des 11. September 2001, sondern weltweit kleine Aktivisten-Gruppen operieren, die im Sinne, aber nicht auf Befehl von Terrorführer Osama bin Laden planen und handeln. Dass die potenziellen Täter und abgetauchte islamistische Schläfer mit Hilfe des Internets ideologisch eng an der Leine geführt werden, ist den Geheimdiensten schon länger bekannt.

Ähnlich beunruhigt wie Tophoven ist auch EU-Justizkommissar Franco Frattini. Die Entwicklung sei überaus Besorgnis erregend: «Es gibt in Europa ein stabiles und enges Netzwerk verschiedener Gruppen, das als Infrastruktur für Anschlagsvorbereitungen dienen kann. So erhalten potenzielle Täter falsche Papiere, neue Identitäten und Unterschlupf.»

Dazu passt die Stimme aus dem Off des Drohvideos: «Du motivierst die Mudschahedin, Anschläge in Deinem Land zu verüben», und terroristische Zellen seien «ermuntert, dich anzugreifen».

Preis für die Geiseln soll höher getrieben werden

Es gibt darüber hinaus Fachleute, die in den Videos über die puren Drohungen hinaus auch ein berechnend-taktisches Element sehen. Guido Steinberg, Terrorismus-Experte bei der Berliner Stiftung für Wissenschaft und Politik, erklärte im NDR, die Gruppe mit dem Drohvideo sei sicherlich nicht dieselbe, die die deutschen Geiseln im Irak entführt und die Forderung nach einem Abzug der deutschen und österreichischen Soldaten aus Afghanistan nur noch einmal bekräftigt habe: «Ich denke eher, dass es sich dabei um eine primär politisch motivierte Gruppe handelt, die jetzt versucht, aus dieser Forderung der irakischen Geiselnehmer politisches Kapital zu schlagen.»

Weder Tophoven noch Steinberg noch der ZDF-Terrorfachmann Elmar Thevessen glauben freilich, dass die Entführer der beiden Deutschen an anderem als an Lösegeld interessiert sind. Ziel ihrer politischen Forderung sei, den Preis für die Geiseln höher zu treiben. Es ist die zweite Gruppe, die den Experten Sorgen macht, weil in ihr die Bundesregierung wie in einer Art Nachrichtensendung aufgefordert werde, ihre Soldaten aus Afghanistan abzuziehen. «Das ist eine rein politische Forderung.

Hier geht es nirgendwo um Geld oder Ähnliches. Und es ist ernst zu nehmen, weil diese Forderung eben auch mit deutschen Untertiteln, also in deutscher Übersetzung gestellt worden ist», sagte Thevessen im WDR.

(dapd)

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