Die «Kinder der Armut» schlagen zu

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Gewalt in NordirlandDie «Kinder der Armut» schlagen zu

Die Gewalt ist zurückgekehrt. Sogar Kinder beteiligen sich an den Ausschreitungen. Katholische Fanatiker profitieren dabei von Armut und Hoffnungslosigkeit.

Peter Blunschi
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Peter Blunschi

(Quelle: APTN Video)

Die Nacht auf Donnerstag war die vierte in Folge mit Krawallen in Nordirland. Im katholischen Belfaster Stadtteil Ardoyne warfen Demonstranten Molotow-Cocktails und steckten ein Auto in Brand, die Polizisten antworteten mit Gummigeschossen und einem Wasserwerfer. Weit schlimmer verlief die Nacht auf den Dienstag, als 82 Polizisten bei den Ausschreitungen verletzt wurde. Es war der schlimmste Gewaltausbruch im britischen Norden der Grünen Insel seit dem Karfreitagsabkommen von 1998.

Mit diesem Vertrag wurde der Friedensprozess zwischen den probritischen Protestanten und den irisch-nationalistischen Katholiken eingeleitet, der trotz Rückschlägen bis heute andauert und beträchtliche Fortschritte gebracht hat, so eine gemischt-konfessionelle Polizei. Nun erinnern sich viele an die verharmlosend «Troubles» genannten Zustände der 70er und 80er Jahre mit dem Terror der Irisch-Republikanischen Armee (IRA).

«Disneyland für Unruhen»

In der Tat werden fanatische IRA-Abweichler für die Ausschreitungen verantwortlich gemacht. Entzündet haben sie sich vordergründig an den Umzügen des protestantischen Oranier-Ordens, die an eine historische Schlacht nordwestlich von Dublin erinnern. An ihrem Jahrestag, dem 12. Juli, kam es in der Vergangenheit regelmässig zu Krawallen. Die Routen der Parade wurden in den vergangenen Jahre laufend eingeschränkt, doch nach wie vor sind sie für Scharfmacher aus beiden Lagern ein willkommener Anlass für Randale.

Angesichts einer Vielzahl von Kindern und Jugendlichen, die sich an den Krawallen beteiligten, sprach der katholischer Priester Gary Donegan gegenüber der BBC von einem «Disneyland für Unruhen». So hätten ab den bis 2 Uhr dauernden Ausschreitungen Randalierer zwischen 8 und 18 Jahren teilgenommen. Das Verhalten der Kinder und Jugendlichen führte der Geistliche weniger auf eine politische Überzeugung zurück, als vielmehr auf einen Zusammenbruch elterlicher Autorität.

Jeder Fünfte ist arbeitslos

Doch das ist nur ein Teil des Problems. Die Autorin Mary O'Hara nennt in einem Gastkommentar auf der Website des «Guardian» ein wichtiges Motiv für die Unruhen: Die katholischen Belfaster Stadtteile wie Ardoyne, in denen es zu Gewaltausbrüchen kam, gehören zu den ärmsten Gegenden in Grossbritannien. Jeder fünfte männliche Einwohner ist arbeitslos, selbst in wirtschaftlichen Boomzeiten habe sich kaum etwas daran geändert.

Daraus entstehe «ein beträchtliches Mass an Frustration, Hoffnungslosigkeit und sozialer Verwahrlosung», schreibt O'Hara. Kombiniert mit dem alten Stammesdenken entstehe ein Nährboden für Gewalt, von dem die Fanatiker profitieren würden. «Armut und soziale Ausgrenzung sind willige Komplizen des religiösen Sektierertums» meint die Autorin, die selber während der «Troubles» in einem benachteiligten Viertel aufgewachsen ist.

Regierung will neue Regeln

An einen Rückfall in die finsteren Zeiten glaubt dennoch kaum jemand. Der protestantische nordirische Regierungschef Peter Robinson und sein katholischer Stellvertreter Martin McGuiness verurteilten die Ausschreitungen: «Es gibt keine Entschuldigung und keinen Platz für Gewalt in einer zivilisierten Gesellschaft.» Die Regierung will nun neue Regeln für die Oranier-Märsche erarbeiten. Doch so lange sich an der wirtschaftlichen Benachteiligung vieler Katholiken nichts ändert, werden weiter Gewaltausbrüche kaum zu vermeiden sein.

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