Ungleiche BelastungEuropas vermeintliche Flüchtlingsflut
Der Migrantenstrom aus Nordafrika bringt das reiche Europa an den Anschlag. Ein Klagen auf hohem Niveau: Entwicklungsländer müssen im Vergleich ein Vielfaches an Flüchtlingen aufnehmen.

Schauspielerin Angelina Jolie in ihrer Rolle als Goodwill-Botschhafterin des UNHCR im März 2011 in Afghanistan. Seit 2002 sind über 5,5 Millionen afghanische Flüchtlinge aus Pakistan und Iran in ihre Heimat zurückgekehrt. (Bild: UNHCR)
Schweizer Aufnahmezentren klagen über randalierende Tunesier, die dänische Regierung will wieder Grenzkontrollen einführen und Italien ächzt unter dem nicht abreissenden Flüchtlingsstrom auf seine Mittelmeerinsel Lampedusa. Hintergrund all dieser Verwerfungen sind rund 40 000 tunesische und libysche Flüchtlinge, die Bürgerkrieg und Armut in ihren Heimatländern hinter sich gelassen haben. Erstaunlich, dass eine solch geringe Zahl den Schengenraum an den Anschlag bringt. Anderswo müssen weitaus ärmere Länder mit Hunderttausenden und Millionen von Flüchtlingen fertig werden.
«Die Ängste vor vermeintlichen Flüchtlingsströmen in Industrienationen sind übertrieben oder werden fälschlicherweise mit Migrationsthemen vermischt», wurde Antonio Guterres, Chef des UNO-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) am Montag in einer Mitteilung zitiert. Die Hauptlast bleibe indes an ärmeren Ländern hängen, sagte Guterres.
Drei Länder beherbergen ein Viertel aller Flüchtlinge
Tatsächlich leben 80 Prozent der Flüchtlinge weltweit in armen Ländern, wo die Aussichten auf Staatsbürgerschaft und ein geregeltes Auskommen spärlich sind. Mehr als ein Viertel aller Flüchtlinge haben in drei Ländern Zuflucht gefunden: Pakistan, Iran und Syrien. In diesen Zahlen des UNHCR nicht berücksichtigt sind die Flüchtlinge aus Nordafrika, die sich mehrheitlich auf Nachbarländer verteilen, da Europa seine Grenzen weitgehend dichtgemacht hat.
2010 zählte das UNHCR weltweit 15,4 Millionen Flüchtlinge. Rund ein Drittel davon machen Palästinenser aus. Ein Fünftel stammt aus Afghanistan und hat vor allem in Pakistan und im Iran Zuflucht gefunden. 1,68 Millionen Iraker sind vor der US-Invasion und dem anschliessenden Bürgerkrieg geflohen, vor allem nach Syrien und Jordanien.
UNHCR-Chef Antonio Guterres ist ein Diplomat und drückt sich entsprechend zurückhaltend aus. Was er mit seinen Worten am Montag sagen wollte, ist: Angesichts der enormen Flüchtlingszahlen, mit denen ärmere Länder fertig werden müssen, ist Europas Eiertanz um ein paar zehtausend Flüchtlinge aus Nordafrika ein unwürdiges Trauerspiel.
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