Nach den Genua-RandalenMit Gott und dem Roten Stern
Serbien hat zum Schlag gegen radikale Rowdies ausgeholt: Die Behörden treffen auf einen Mix aus Untergrundbewegungen, Kriegsverbrechern und der orthodoxen Kirche.
In Serbien hat die Abrechnung mit den gewaltbereiten Rechtsradikalen begonnen, die das Land innerhalb weniger Tage gleich zweimal in Atem gehalten haben: Beim Sturm auf die Schwulenparade in Belgrad am Sonntag, bei dem 160 Menschen, vor allem Polizisten, verletzt wurden, und dann am Dienstag in Genua, wo serbische Fans mit Randale den Abbruch eines Fussball-Länderspiels erzwangen. Nata Mesarovic, die Präsidentin des Obersten Gerichtshofs, will eine «Erklärung», warum Hooligans in Serbien bisher immer mit Minimalstrafen davonkamen, wenn die Prozesse nicht überhaupt abgebrochen wurden. Auch Innenminister Ivica Dacic kritisierte die Justiz. Seit einem Jahr verhandelt das Verfassungsgericht über ein Verbot von 14 radikalen Organisationen.
Der Mann, den die Polizei für das Hirn der Szene hält, sitzt schon seit Sonntag in Haft. Der 30-jährige Mladen Obradovic ist Geschäftsführer der «vaterländischen Bewegung» Obraz (Antlitz) und der Öffentlichkeit seit mehr als drei Jahren bekannt. Der schmalbrüstige, viel jünger wirkende Historiker pflegt mit treuen Augen zu erklären, warum die «Erniedrigungen» Serbiens nicht länger geduldet werden können – um dann mit spitzbübischem Lächeln allen konkreten Nachfragen auszuweichen. Neben ihm sitzen eine Reihe führende Obraz-Leute in Haft, einer davon ist erst 18 Jahre alt. Ihnen wird vorgeworfen, am Sonntag den Angriff auf die Schwulenparade organisiert zu haben. Motorradfahrer von Obraz dirigierten die Marschkolonnen mit Handys, so die Polizei.
Arkan und seine Tiger
Obraz pflegt eine düsteren, schwülstigen Stil, nimmt mit viel Schwarz Anleihe bei der «Gothic»-Jugendkultur und führt das Christus-Zeichen PX im Wappen, um so Nähe zur orthodoxen Kirche zu demonstrieren. Von ähnlichem Kaliber ist die «Serbische Nationalbewegung von 1389», die mit ihren Namen an die mittelalterliche Kosovo-Schlacht erinnert. Auch die «Ultra Bojs», ein Klub von Fans des Fussballvereins Roter Stern Belgrad, gehören zur Szene der 2000 bis 3000 gewaltbereiten Rechten. Führungsfiguren des Vereins, zu denen offenbar auch der in Genua festgehaltene Hooligan Ivan Bogdanov gehört, sind gleich nach dem Überfall auf die Schwulen nach Italien gereist. Der Abbruch des Spiels war offenbar von vornherein gewollt. Der verhaftete Bogdanov schuf sich jetzt über seine Anwälte eine Bühne und erklärte, nach einer «Entschuldigung» gegenüber Italien, die Attacke habe sich gegen den serbischen Fussballverband gerichtet, der Roter-Stern-Spieler nicht aufstelle. Hassobjekt der Fans war besonders der serbische Torhüter Vladimir Stojkovic, der beim Roten Stern begann und heute beim Lokalrivalen Partizan spielt.
Roter Stern ist im Auge der Belgrader Fans seit jeher der serbisch-nationale, Partizan dagegen der linke, jugoslawische Verein. Die Verwicklung der rechten Rowdies in die Politik hat eine lange Tradition.
Unter dem Autokraten Slobodan Milosevic wurde 1989 der mehrfach vorbestrafte Zeljko Raznatovic, genannt Arkan, Vorsitzender der Roter-Stern-Fans. Aus den aggressivsten Vereinsanhängern rekrutierte der damals 38-Jährige eine «Serbische Freiwilligengarde», die als «die Tiger» in Kroatien und Bosnien Angst und Tod verbreiteten und in Serbien wirtschaftlich zu einer Macht wurden. Im Jahr 2000 wurde Arkan, der sogar eine Partei gründete und als Staatspräsident kandidierte, von rivalisierenden Gangstern erschossen. Fussball-Hooligans waren beteiligt, als 2001 zum ersten Mal eine Schwulenparade angegriffen wurde, als ultrarechte Gewalttäter 2004 die Belgrader Bajrakli-Moschee anzündeten und 2007 mit dem Spruch «Kosovo ist Serbien» die US-Botschaft stürmten.
Seither ist es ruhiger geworden. Bei der Verhaftung des bosnischen Serbenführers Radovan Karadzic 2008 schien die Mobilisationskraft der extremen Rechten fast erschöpft.
Schlag gegen die Geschöpfe von Milosevic
Besonders das Geld schien ihnen ausgegangen zu sein, seit die Mafia in Serbien nicht mehr offen in die Politik drängt. Vor den Aktionen der letzten Tage allerdings scheinen sie wieder einen Sponsor gefunden zu haben. Die Staatsanwaltschaft will untersuchen, woher das Geld für die Tickets und die Organisation kam. Auch den politischen Rückhalt der Milosevic-Ära und die Toleranz durch die Regierung zu Zeiten von Premier Vojislav Kostunica haben die Gewalttäter verloren. Aber auch unter dem pro-europäischen Präsidenten Boris Tadic und seinem sozialistischen Polizei-Minister Ivica Dacic waltete bisher Vorsicht gegenüber Obraz und dessen Partnervereinen. Zu stark schien der Rückhalt der Rechten, die, obwohl meistens zu jung dafür, gern das Pathos der Kriegsveteranen für sich in Anspruch nehmen.
Tatsächlich bekamen die Rechten bei ihrem Angriff auf die Polizei am Sonntag Schützenhilfe vom rechten Flügel der Kirche und, wenn auch nicht so kräftig, von einem Politiker, auf dessen Unterstützung die Regierung angewiesen ist. Der nationalistische Metropolit Amfilohije sagte, die «sodomitische Schande» der Gay-Parade sei «schlimmer als die Kriege und Bombardements», die die Serben hätten erdulden müssen, und sie «vergifte» Belgrad «ärger als Uran». Zu den Krawallen sagte der Kirchenführer nur, da habe eben «eine Gewalt die andere hervorgerufen». Der «Pate» der Kleinstadt Jagodina, Dragan Markovic, der sich «Palma» nennt und eine eigene Partei unterhält, sprach von einer «Parade der Schande».
Mit ihrem Versuch, die Erregung vom Sonntag durch den Genueser Krawall auf dem hohen Niveau zu halten, haben die Rechten aber wahrscheinlich einen Fehler gemacht: Für Fussball-Ausschreitungen bleibt der Rückhalt in der Öffentlichkeit aus. Der geschickte Innenminister Ivica Dacic, der seine politische Karriere als Sprecher von Slobodan Milosevic begann, hat nun freie Hand, um mit den Geschöpfen seines einstigen Mentors aufzuräumen.
Ivan der Schreckliche sagt: «Sorry!»
«Ich entschuldige mich bei Italien und den Italienern. Nie haben wir daran gedacht, Italien einen Schaden zuzufügen», sagte Bogdanov am Donnertag. Italien sei ein sehr schönes Land, das ihm gut gefalle. Er habe nicht damit gerechnet, dass es «politische Probleme mit Italien» geben würde. «Ich erwartete nicht einmal, dass das Spiel abgebrochen würde», sagte er laut italienschen Medien am Morgen seinem Anwalt Gainfranco Pagano, der ihn im Genueser Gefängnis Pontedecimo besuchte. Die Gründe für den «Unsinn, den wir im Stadion gemacht haben», hat Bogdanov am Freitagmorgen dem Richter dargelegt. Er sagte aus, dass es gegen den Serbischen Fussballverband gerichtet gewesen sei. «Der Verband lässt die Spieler von Roter Stern Belgrad einfach nicht für die Nationalmannschaft spielen», so Bogdanov gemäss «B92» vor dem Richter. Seine Anwälte versuchen den mutmasslichen Rädelsführer mit zwei Jahren Haftstrafe maximal und dem Landesverweis herauszuboxen. Geht das Gericht nicht darauf ein, könnte Bogdanov zwischen einem und vier Jahren hinter Gitter kommen. Aufgrund der Schwere seiner Taten in der Nacht der Ausschreitungen soll auch eine höhere Strafe möglich sein, wie es heisst. (rn/amc)