Unerwartete AnerkennungObama hat gewonnen, aber wofür?
Selbst das Weisse Haus wurde von Obamas Friedensnobelpreis völlig überrumpelt – eine erste Reaktion bestand aus drei Buchstaben: Wow! Allgemein lässt sich die Stimmung in Washington so auf den Punkt bringen: Er hat gewonnen! Aber für was?
Obama ist mit 48 Jahren einer der jüngsten Präsidenten, die die USA je hatten. Er war gerade mal zwölf Tage im Amt, als im Februar die Frist für die Nominierung von Friedensnobelpreiskandidaten endete. Das Komitee belohnt also eher Obamas Vision, seine Versprechen eines grundlegenden Wandels, als seine tatsächliche Leistung. Die Arbeit an seiner ehrgeizigen Agenda läuft, ist aber auf den meisten «Baustellen» im In- und Ausland noch sehr im Anfangsstadium. Obama hat eigentlich nichts vorzuweisen, was den Friedensnobelpreis rechtfertigen könnte.
Und was ist mit Frieden? Obama ist oberster Befehlshaber in zwei Kriegen, die die USA in der islamischen Welt führen: In Afghanistan und dem Irak. Und ein Gesetz zur Eindämmung des Klimawandels hat er bislang nicht durch den von seinen Demokraten beherrschten Kongress bringen können. In Schulnoten ausgedrückt würde das auf «mangelhaft» hinauslaufen...
Obama hat nach seinem Amtsantritt Folter verboten. Er hat versprochen, das Gefangenenlager in Guantánamo auf Kuba zu schliessen, kann aber die selbstgesetzte Frist bis Januar kommenden Jahres wegen mannigfacher Widerstände im In- und Ausland nicht einhalten.
Obama hat versprochen, den Krieg im Irak zu beenden. Die US-Militärpräsenz dort wird aber mindestens bis 2012 dauern.
Obama hat den Nahost-Friedensprozess zur Chefsache erklärt, hat aber Israelis und Palästinenser bislang nicht dazu bewegen können, die Verhandlungen darüber wenigstens wieder aufzunehmen.
Obama hat eine atomwaffenfreie Welt versprochen. Das war im April in Prag. Doch andere Staaten und auch die eigenen Parlamentarier hinter das dafür nötige Netz von Abkommen und Verträgen zu bringen, um dies zu verwirklichen, ist noch nicht weit vorangekommen.
Dem Kampf gegen den Klimawandel hat Obama höchste Priorität gegeben. Doch beim Klimagipfel in Kopenhagen im Dezember wird die US-Regierung mit einem im Kongress festgefahrenen Gesetzentwurf für die Begrenzung von Schadstoffemissionen und der Förderung erneuerbarer Energien antreten.
Kein Obama-Bonus bei Olympia
Und was ist mit Obamas Prestige, seiner Fähigkeit, Entscheidungen zu beeinflussen? Das hat wohl vergangene Woche einen Dämpfer bekommen, als der Präsident über den Atlantik jettete, nur um zu erfahren, das nicht seine Heimatstadt Chicago, sondern das brasilianische Rio de Janeiro die Olympischen Sommerspiele 2016 bekommt. Chicago kam nur auf den letzten Platz der vier Bewerbungen.
Für das Nobelpreiskomitee reichte offenbar schon der neue Ton, das neue Auftreten der USA in der Welt dafür, Obama den Preis zuzusprechen. Mit seiner Rede in Kairo reichte er der muslimischen Welt die Hand. Mit seiner Rede auf der Vollversammlung der Vereinten Nationen umriss er eine neue Art und Weise des Umgangs der USA mit der Welt.
Aber trotzdem?
Obamas Berater schienen von der Nachricht aus Oslo genauso überrascht wie alle anderen in Washington auch. Obama liess über Gibbs mitteilen, er empfinde Demut angesichts der Tatsache, erst der dritte amtierende US-Präsident zu sein, der mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wird.
Obama hat immer wieder gesagt, dass seine Visionen nicht auf die Schnelle verwirklicht werden können. «Es wird nicht leicht sein», kein Spaziergang werden, erklärt er oft. Das Nobelpreiskomitee hatte vielleicht den von Obama in einem Buch beschworenen Mut zur Hoffnung, dass der Preisträger sich die Auszeichnung noch mit einer historischen Leistung verdienen wird.
Nobelpreiskomitee: «In drei Jahren zu spät»
Der Vorsitzende des norwegischen Friedensnobelpreiskomitees hat die Entscheidung für Barack Obama mit dem aktuellen Handlungsdruck in der Weltpolitik begründet. «Er hat den Preis bekommen, weil er das internationale Klima verändert hat», sagte Thorbjörn Jagland über den US-Präsidenten. «Einige Leute sagen, und ich verstehe das, ist das nicht verfrüht? Zu früh? Nun, ich würde sagen, es könnte in drei Jahren zu spät sein, das zu beantworten. Es ist jetzt, das wir die Gelegenheit haben, zu handeln - wir alle.» (Quelle: AP)