MenschenrechtsgerichtRussische Soldaten töteten zu Unrecht
Nach kaltblütigen Todesschüssen auf eine vierköpfige tschetschenische Familie muss Moskau den Hinterbliebenen rund 153 000 Euro Schmerzensgeld und Schadensersatz zahlen.

Die Einsätze der russischen Armee in Tschetschenien haben auch zahlreiche zivile Opfer gefordert.
Die Familie - ein Mann, seine schwangere Frau, der kleine Sohn des Paares und ein Schwager - war im Mai 2000 bei einem Überfall russischer Soldaten auf einen Lastwagen getötet worden. Nach Angaben von Augenzeugen schossen die Soldaten auf den Lastwagen und sprengten ihn in die Luft.
Die Mutter des Familienvaters fand am nächsten Tag eine Mütze des Kindes mit Teilen des Gehirns und Spuren von vier Körpern auf dem Boden. Die Leichen waren verschwunden. Zwei von ihnen wurden etwas später gefunden.
Moskau rechtfertigte das Vorgehen mit dem Hinweis, der Lastwagen sei nach der Ausgangssperre auf einer Strasse unterwegs gewesen, die oft von «illegalen bewaffneten Gruppen» benutzt werde.
Mann verschleppt
In einem zweiten Urteil gaben die Strassburger Richter einer Mutter Recht, deren Sohn bei einem Militäreinsatz verschleppt wurde und seither verschollen ist. Ihr muss Moskau 62 000 Euro Entschädigung zahlen.
Der damals 24-jährige Tschetschene war im November 2002 von rund 15 bewaffneten Männern in Tarnkleidung aus seinem Haus verschleppt worden. Seither ist er unauffindbar.
Der Gerichtshof verwies darauf, dass das fragliche Kommando ungehindert mehrere Kontrollen passiert hatte. Dies untermauere die These, dass es sich um russische Soldaten gehandelt habe.
Verantwortliche nicht bestraft
Die Strassburger Richter rügten zudem, dass in keinem der beiden Fälle die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen wurden. Die Ermittlungen seien mehrfach unterbrochen und wiederaufgenommen worden.
Russland wurde in Strassburg bereits über hundert Mal wegen ähnlicher Verbrechen im Kaukasus verurteilt. Dabei ging es um mehr als 200 Zivilisten, die bei Militäreinsätzen getötet oder entführt wurden. In einigen Fällen wurden die Verschleppten später tot aufgefunden, das Schicksal der meisten ist bis heute unklar.
(sda)