Berner MissbrauchsfallDas Pädo-Monster und die wehrlosen Opfer
Ein Fall von nie dagewesenem Ausmass: Ein 54-Jähriger aus dem Kanton Bern hat gestanden, 114 Kinder und behinderte Heiminsassen sexuell missbraucht zu haben. Sein jüngstes Opfer war ein Baby.
Gabriele Berger über das Ausmass des schockierenden Falles. (Video: 20 Minuten Online)
Es ist ein schockierender Fall. Die Polizei spricht von einem «Ausmass, wie wir es im Kanton Bern noch nie gesehen haben». Mit einem Täter, der mit äusserster Skrupellosigkeit auf zum Teil völlig wehrlose Opfer losging. Der 54-jährige Sozialtherapeut hat gestanden, jahrzehntelang Kinder und behinderte Heiminsassen sexuell missbraucht zu haben. Die Kantonspolizei Bern hat bisher 122 Opfer identifiziert, bei 8 davon soll es bei einem Versuch des Missbrauchs geblieben sein.
«Opfer nach Schwere der Behinderung ausgesucht»
Grösstenteils handelt sich bei den Opfern um geistig und körperlich behinderte Jungen, teilweise auch um Frauen. «Der Mann hat sich seine Opfer nach der Schwere der Behinderung ausgesucht», sagte Gabriele Berger, Chefin Spezialfahndung der Berner Kantonspolizei, an der heutigen Pressekonferenz. Missbraucht hat der Mann aber auch Kinder, teilweise von Heimangestellten. Das jüngste Opfer war zur Tatzeit ein Jahr alt. Er habe sich Opfer ausgesucht, die kaum sprechen konnten, so Berger weiter.
Der Tatverdächtige, der sich in Haft befindet, ist geständig. Er bezeichnet sich als pädophil. Bei einer ersten Einvernahme sagte er gegenüber den Ermittlern: «Ich bin froh, dass es endlich bekannt geworden ist. Ich wusste immer, dass es etwas Schlimmes ist und es begleitete mich mein Leben lang.» Trotzdem verging er sich während 29 Jahren an seinen wehrlosen Opfern.
Ersatzwäsche, Videos und Bilder
Der Beschuldigte ging bei seinen Übergriffen gezielt vor, damit diese nicht bemerkt werden. So hatte er beispielsweise oft Ersatzwäsche dabei. In 18 Fällen machte der Tatverdächtige Foto- oder Videoaufnahmen. Auf den Videos ist zu sehen, wie er von seinen Opfern weggestossen wird und wie diese Angst und Schmerzen zeigen. Nach bisherigen Erkenntnissen stellte er die Videos nicht ins Internet.
Die Übergriffe fanden mehrheitlich in Heimen statt, etwa während der Nachtwache oder bei der Intimpflege. Dabei misshandelte der Mann nicht selten ein oder mehrere Opfer gleich mehrmals am gleichen Tag. Er betastete seine Opfer an den Geschlechtsteilen, zwang sie zu Oralverkehr oder misshandelte sie anal. Zeitweise seien auch mehrere Opfer während den sexuellen Übergriffen anwesend gewesen. Der mutmassliche Täter verlangte dabei von den Opfern auch, dass sie sich an anderen Opfern vergingen.
Gabriele Berger im Interview: «Nicht auszuschliessen, dass es noch weitere Opfer gibt»
(Video: Mathieu Gilliand/Debby Galka, 20 Minuten Online)
2003 erstmals im Visier
Der nicht vorbestrafte Mann geriet 2003 erstmals ins Visier von Ermittlern. Damals wurde gegen einen anderen Heimmitarbeiter wegen sexuellen Missbrauchs ermittelt. Der mittlerweile zu einer langjährigen Freiheitsstrafe Verurteilte arbeitete im gleichen Heim wie der heute 54-jährige Schweizer. Ein damals 13-jähriges Mädchen beschuldigte den Mann ebenfalls, sexuelle Handlungen vorgenommen zu haben. Fachleute zweifelten damals allerdings an den Aussagen, weil die Kommunikation mit dem behinderten Mädchen stark beeinträchtigt gewesen sei. Die Ermittlungen gegen den jetzt geständigen Mann wurden daraufhin eingestellt.
Die erneuten Ermittlungen gegen den Mann wurden im März 2010 im Kanton Aargau aufgenommen, nachdem zwei Bewohner eines Behindertenheims ihren Eltern von Übergriffen eines Pflegers erzählt hatten. Diese informierten die Heimleitung, welche die Polizei einschaltete. Der Verdacht gegen den Beschuldigten erhärtete sich und im April nahm ihn die Berner Polizei an seinem Wohnort im Berner Oberland fest.
Grösster Teil der Fälle verjährt
Im Verlauf der Einvernahmen gestand der Mann weitere ähnliche Übergriffe, die er insbesondere als Betreuer in Heimen, aber auch davor begangen hatte. Aufgrund seinen Aussagen übernahm die Staatsanwaltschaft Bern-Mittelland das Verfahren und ermittelt unter anderem wegen sexueller Handlungen mit Kindern, Abhängigen und Anstaltspfleglingen sowie wegen Schändung. Der grösste Teil der Fälle ist mittlerweile verjährt. Von den bisher bekannten Fällen können 33 strafrechtlich verfolgt werden.
Der Tatverdächtige war seit 1982 in neun Heimen angestellt, mehrheitlich im Kanton Bern, daneben auch in einem Heim im Aargau, in zwei Heimen in Appenzell Ausserrhoden sowie in einem Heim in Deutschland. An all diesen Orten kam es zu Übergriffen.
TeleBärn hat mit einer Angehörigen eines mutmasslichen Opfers gesprochen:
(Video: TeleBärn)