Polizei jagt Peter K. im Industriequartier

Aktualisiert

Drama von BielPolizei jagt Peter K. im Industriequartier

Am Freitagabend durchkämmte die Polizei die Wälder und Felder im Osten Biels auf der Suche nach Peter K. Mit einem Grosseinsatz im Industriequartier Biel-Bözingen konnte er aber nicht gefasst werden.

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Grössere Polizeikräfte hatten sich gemäss einem Leser-Reporter am Freitagabend gegen 20:30 Uhr in der Nähe des Rolex-Neubaus in Biel-Bözingen formiert. Ihr Ziel: Den seit Tagen flüchtigen Peter K. aufspüren. Im Wiesland im Anschluss ans Industrie- und Gewerbequartier und im nahe gelegenen Wald wimmle es von Polizisten. «Scharfschützen liegen im Gras auf der Lauer», berichtet der Leser-Reporter. Zwei Helikopter seien in der Luft.

Plötzlich sei Hektik aufgekommen, als Polizisten mit Nachtsichtgeräten und Hunden ein Feld durchsuchten. Der Leser-Reporter konnte aus der Distanz nichts ausmachen, was nach einer Verhaftung aussah.

Nach der Aktion hätte sich ein Teil der Beamten bei einem Schützenhäuschen versammelt, andere seien direkt weggefahren. Um 22:45 durchsuchten sie scheinbar den Wald südlich des Industriequartiers und der A5. Ein Helikopter zog dort seine Runden. Ein zweiter Leser-Reporter bestätigte, dass sich die Suchtrupps nun scheinbar wieder in Richtung Lindenquartier orientieren. Dort hatte das Drama am Freitag seinen Anfang genommen und dorthin war Peter K. in der letzten Nacht zurückgekehrt, um erneut das Feuer auf die Polizei zu eröffnen.

Polizei mit «getarnten Einsatzkräften»

Hinweise und Erkenntnisse aus der Bevölkerung hätten zwar zu mehreren Interventionen im Grossraum Biel geführt, schreibt die Polizei am Freitagabend in einem Communiqué. Dennoch habe der Gesuchte bisher nicht gefasst werden können.

Die Untersuchungsbehörden glauben, dass es Peter K. vor allem auf Polizei und Verwaltungsstellen abgesehen hat. Für die Bevölkerung bestehe «keine unmittelbare Gefahr». Sie gehen allerdings davon aus, dass Peter K. erneut sein Wohnhaus im Bieler Lindequartier aufsuchen könnte. Das hatte er bereits in der Nacht auf Freitag getan und dabei auch mehrere Schüsse auf Beamte abgegeben, aber keinen verletzt.

Die Polizei will das Quartier weiterhin scharf bewachen. Ein Teil der sichtbaren, uniformierten Präsenz soll aber durch «getarnte Einsatzkräfte» ersetzt werden, wie es in der Medienmitteilung heisst.

Am Freitagnachmittag kreiste ein Super-Puma der Armee mit einer Wärmekamera längere Zeit über Magglingen oberhalb von Biel. Bewaffnete Polizisten kontrollierten den Eingang zur Seilbahn, dem Funic, das von Biel in die Nachbargemeinde hinauffährt, wie ein SDA-Korrespondent vor Ort feststellte. Kurz vor 15 Uhr seien aber in Leubringen/Magglingen keine Polizeikräfte mehr zu sehen gewesen.

Erneute Schüsse auf Polizisten

In der Nacht auf Freitag hatte Peter K. erneut auf Polizisten geschossen. Kurz nach 00.30 Uhr erschien er in der Nähe seines Hauses im Bieler Lindenquartier und schoss unvermittelt auf die Polizei. «Wir erwiderten sofort das Feuer, ohne Peter K. allerdings zu treffen», erklärte François Gaudy an einer kurzfristig einberufenen Medienkonferenz. Der Bieler Polizeichef gestand gleichzeitig ein, dass die Polizei am Donnerstag «keine konkreten Anhaltspunkte zum Aufenthaltsort des Täters gehabt hat». Offenbar überraschte der 67-Jährige die Polizei – trotz Schusswechsel konnte er vom Tatort fliehen. Gemäss Gaudy schoss er aus «aus grosser Distanz, weshalb wir ihn nicht gleich sahen.»

«Zuerst sind drei Schüsse gefallen. Nach einer kurzen Pause folgten zwei weitere», sagte ein Nachbar zu 20 Minuten Online. Wenige Minuten nach dem Schusswechsel kreiste erneut ein Armeehelikopter über dem Lindenquartier. Laut dem Anwohner waren in der Nacht nur noch wenige Polizisten im Quartier präsent, die sich vor allem auf den Kreuzungen zeigten. Nach dem Vorfall fühlt er sich von der Polizei nicht mehr beschützt – und spricht deutliche Worte: «Der Polizeieinsatz wirkte auf mich stümperhaft.» Polizeichef Gaudy verteidigte den Einsatz an der Medienkonferenz: Man habe nach dem Schusswechsel sofort die Einsatzkräfte verstärkt. «Peter K. hat immer noch einen Vorsprung vor uns», so Gaudy. Er kenne im Quartier jedes Haus und jeden Busch. «Die Fahndung läuft und wir sind an ihm dran.»

Hier jagte die Polizei am Freitagabend Peter K.

Polizei befürchtete Sprengsatz

Die Polizei ist offenbar vom Gewaltpotenzial des 67-Jährigen überrascht worden: «Peter K. ist äusserst gewalttätig, mehr als wir uns vorstellen konnten», so Gaudy im Rückblick auf die Geschehnisse in der vergangenen Nacht. Das fliesse in die weitere Einsatzplanung ein. Die Polizei wird wohl nicht mehr zögern, auf Peter K. zu schiessen. Der Grund scheint klar: Gemäss Gaudy wollte man das Haus nicht stürmen, weil man befürchtete, dass er über «Waffen verfüge, die ein Haus hochgehen lassen» könnten. Der Polizeichef betonte aber an der Medienkonferenz, dass sich seine Wut «wohl gegen die Behörden und die Polizei richte».

Die Geschehnisse seien für die Polizei wie die Bevölkerung «schwierig». Gaudy ruft die Bevölkerung auf, nicht in Panik zu geraten, die Augen offen zu halten und auffällige Sachen zu melden. Und dies gelte nicht nur für die Quartierbewohner: Gemäss Gaudy sei die Wahrscheinlichkeit gross, dass Peter K. das Lindenquartier verlassen hat. Die Quartierbewohner konnten inzwischen tatsächlich wieder zurück in ihre Häuser und sich vor allem auch frei bewegen, wie ein Augenschein vor Ort zeigt. Allerdings bleibt die Schule im Quartier auch am Freitag geschlossen.

Der Grosseinsatz läuft weiter

Vor dem Haus von Peter K. ist um acht Uhr ein Schreiner vorgefahren, Polizeifotografen waren am Werk. Der Bereich rund um das Haus bleibt abgesperrt. Auch die Spurensicherung ist vor Ort eingetroffen. Es machte den Anschein, als hätte die Polizei den 67-Jährigen gefasst. Doch der Schein trügt: «Peter K. ist immer noch auf der Flucht», sagt Polizei-Sprecher Stefan von Below. Es laufe immer noch ein Grosseinsatz. «Die Polizisten werden situativ verschoben, weshalb es den Eindruck erwecken kann, dass sie abrücken», so von Below.

Die Polizei steht seit 48 Stunden mit einem Grossaufgebot im Einsatz. Seit Donnerstagabend läuft eine Fahndung nach Peter K. Die Polizei hat aus diesem Grund ein Bild veröffentlicht und die Bevölkerung um Mithilfe bei der Suche gebeten. Die Behörden gehen davon aus, dass der Senior gewaltbereit ist. Hinweise erbittet die Polizei an die Nummer 031 634 34 34.

«Er schoss ohne Vorwarnung auf den Polizisten»

Das Drama um Peter K. begann bereits am Mittwochmorgen (siehe Infobox). Seither belagerte die Polizei das Haus von K. In der Nacht auf Donnerstag eskalierte die Situation: «Um ein Uhr ist der Täter aus dem Haus gekommen und hat mit einem Gewehr ohne Vorwarnung auf die Polizisten geschossen», sagte ein Polizeisprecher. Ein Beamter sei trotz einer schusssicheren Weste schwer verletzt worden. Nach einer Notoperation sei der Gesundheitszustand stabil. K. konnte während der Nacht auf Donnerstag unbemerkt aus dem Haus flüchten. (am, rub, feb/sda)

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Wer ist Peter K.?

Der 67-Jährige gilt im Quartier als «komischer Kauz». Seit mehr als einem Jahr hat er sich gemäss Nachbarn in dem dreistöckigen Haus am Mon-Désirweg 9 mehr oder weniger eingeschlossen: Die Rollläden sind immer geschlossen, der Garten sei völlig verwildert. «Er hat manchmal mitten in der Nacht mit einer Stirnlampe auf dem Kopf den Rasen gemäht», sagte eine Nachbarin zu 20 Minuten Online. Peter K. soll seit seiner Geburt im Haus im Bieler Lindenquartier leben. Nun gehört es offenbar einer Erbgemeinschaft und sollte gemäss einem Entscheid des Zivilgerichts Biel zwangsversteigert werden.

Der Auslöser des «Amoklaufs»

Die Versteigerung soll gemäss den Behörden der Auslöser für den Zwischenfall sein: Gegen den 67-Jährigen war laut einem Bericht von «Schweiz Aktuell» ein fürsorgerischer Freiheitsentzug angeordnet worden. Er hatte offenbar mehrere Drohbriefe an die Behörden aufgrund der Zwangsversteigerung geschickt, weshalb er am Mittwoch zum Psychiater gebracht werden sollte.

Die Situation eskalierte am Mittwochmorgen, als der erste Besichtigungstermin für sein Haus anberaumt war. Beamte sollten den Mann aus dem Haus holen, als sie allerdings auftauchten, verschanzte er sich mit seinem Gewehr. In der Nacht auf Donnerstag stürmte er dann aus dem Haus und schoss einen Polizisten nieder. Peter K. konnte aber nicht gestellt werden und ist seither auf der Flucht. Der Beamte ist trotz einer schusssicheren Weste schwer verletzt worden. Nach einer Notoperation sei der Gesundheitszustand stabil.

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