Die Gallier der Minarett-Abstimmung

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Minarett-VerbotDie Gallier der Minarett-Abstimmung

Ein kleines Dorf im Wallis steht quer in der Landschaft. Erschmatt im Rhonetal hat im Gegensatz zu allen umliegenden Gemeinden das Minarett-Verbot wuchtig verworfen. «Die Linke ist stark bei uns», sagt der Gemeindepräsident.

Annette Hirschberg
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Annette Hirschberg

Die Minarettabstimmung zeigt einen tiefen Graben zwischen der Stadt- und der Landbevölkerung. Der Trend ist klar: Je kleiner die Gemeinde, desto wuchtiger der Ja-Stimmenanteil. Doch eine kleine Wallisergemeinde entpuppt sich als Gallierdorf des Minarettverbots: Erschmatt im Rhonetal.

Bastion des Widerstands?

«Erschmatt – Leben auf der Sonnenseite» wirbt die Gemeinde für sich im Internet. Mit der sonnigen SVP hat das urchige Dorf aber offenbar nicht viel gemein: 70,2 Prozent der Erschmatter oder 92 der 131 Stimmenden haben Nein gesagt zum Minarettverbot. So wuchtig hat keine andere Gemeinde mitten auf dem Land die Abstimmung verworfen. Sind die Erschmatter eine Bastion des Widerstands im Rhonetal? «Nein, so würde ich das nicht sehen», sagt Gemeindepräsident Rafael Locher. Den Grund für das Ergebnis sieht er in den Umständen. Es gebe im Dorf sozusagen keine Ausländer und man habe keine negativen Erfahrungen mit Muslimen oder dem Islam gemacht, meint Locher.

Linke hat grössten Wähleranteil

Doch so einfach lässt sich das erstaunliche Abstimmungsergebnis wohl nicht erklären. Erschmatt ist nämlich nicht nur minarettfreundlich. Das 300-Seelen-Dorf im Bezirk Leuk wählt auch sonst wie eine städtische Gemeinde: «Die Linke hat bei der letzten Abstimmung den grössten Wähleranteil gehabt», sagt Locher. An zweiter Stelle stehen die Mitteparteien und erst dann kommen die konservativen Rechtsparteien. Dabei besteht die Bevölkerung fast ausschliesslich aus alteingesessenen Einheimischen. Die wenigen Zugewanderten kann Locher an einer Hand abzählen. «Wir sind sicher ein weltoffenes Dorf», sagt Locher.

Innovativ und bundesratstreu

So wird in Erschmatt der sanfte Tourismus gepflegt. In der Gemeinde können Besucher erleben, wie Mensch und Natur zusammenarbeiten. Alte Kulturpflanzen werden hier noch kultiviert und das Schlagwort Biodiversität gross geschrieben. Beim «Backerlebnis» können etwa Touristen Roggenbrot selbst nach alter Tradition herstellen. Zudem will die Gemeinde ein Forschungszentrum für Roggen erstellen, wo neue Nutzungs-Möglichkeiten der alten Kulturpflanze erforscht werden. «Wir haben sicher Personen hier im Dorf, die viel bewegen und eher der Linken angehören», sagt Gemeindepräsident Rafael Locher. Er glaubt aber auch, dass die Dorfbevölkerung der Regierung vertraut. «Diese hat ja für die Minarettabstimmung das Nein propagiert.»

Falsche rote Flecken

Die bundesratstreuen Erschmatter stehen aber ziemlich allein in der Landschaft. Die Tessiner Gemeinde Cevio, ein weiterer roter Fleck, ist in Wahrheit grün. «Bellinzona hat für uns falsche Daten publiziert», sagt deren Gemeindepräsident Luigi Martini. Auch Blitzingen im Walliser Goms ist wohl fälschlicherweise rot verfärbt. «Hier stimmen sonst alle konservativ», sagt Gemeindepräsident Erwin Ritz. Er glaubt, dass einige der 18 Nein-Stimmenden von der Gesinnung eher zu den 10 Ja-Stimmenden gehören. «Vielleicht haben sie die Initiative falsch verstanden», sagt Ritz.

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