«Gaddafi-Clan lässt die Schweizer schmoren»

Aktualisiert

Erich Gysling zur Libyen-Affäre«Gaddafi-Clan lässt die Schweizer schmoren»

Die beiden Schweizer Geiseln kommen frühestens in ein paar Tagen zurück. Denn ein Gnadeakt würde zum 40. Jahrestag der libyschen Revolution am 1. September passen, sagt Nahost-Experte Erich Gysling im Interview mit 20 Minuten Online. Der Ramadan sei nur eine Ausrede für die Verzögerungen.

Lukas Mäder
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Lukas Mäder

Seit gestern wartet der grosse Bundesratsjet in Tripolis darauf, dass die zwei festgehaltenen Schweizer ausreisen können (20 Minuten Online berichtete). Muss man sich Sorgen machen?

Erich Gysling: Ja, man muss sich Sorgen machen. Die beiden Schweizer kommen erst am 1. September oder kurz vorher frei. Dann ist der 40. Jahrestag der libyschen Revolution, zu dem ein Gnadeakt passt. Der Sinn für Symbolik des «Gnädigen Revolutionsführers», wie Gaddafi bezeichnet wird, ist nicht zu unterschätzen.

Warum hat dann der Bund bereits gestern den Jet nach Libyen geschickt?

Das habe ich auch nicht verstanden. Es gibt viele Gerüchte und viele Personen, die behaupten, sie hätten direkten Kontakt zu Gaddafi. Die Verantwortlichen sind offenbar Opfer einer Mischung aus Gerüchten und Wunschdenken geworden.

Aber Sie glauben, dass die Geiseln schliesslich doch freikommen werden?Ich hoffe es sehr. Aber ganz glauben kann ich es noch nicht. Was ist, wenn in Libyen die Kritik hoher Schweizer Politiker an der Entschuldigung wahrgenommen wurde? Dann könnte für Unmut sorgen, dass die Entschuldigung nicht von Herzen kam, wie das im Arabischen grossgeschrieben wird.

Welche Verhandlungen laufen jetzt in Tripolis?

Für die Libyer sind die Schweizer gar keine Geiseln. Sie stellen sich auf den Standpunkt, es handle sich um ein Visaproblem. Solange nicht eine Stelle die Anweisung bekommt, ein Ausreisevisum zu erstellen, läuft wenig. Libyen kann eine abstruse administrative Fantasie entwickeln.

Sie glauben also nicht, dass der Fastenmonat Ramadan der Grund für die Verzögerung ist?

Das ist eine weitere Ausrede. Ich reise oft während des Ramadans durch den arabischen Raum. Alles funktioniert, wenn auch teilweise etwas langsamer.

Wenn Gaddafi ein Machtwort sprechen würde, wäre der Bundesratsjet mit den beiden Geiseln innerhalb einer Stunde in der Luft?

Selbstverständlich. Offenbar sagt die Gaddafi-Familie, lassen wir die Schweizer noch etwas schmoren. Da ist eine grosse Ranküne. Bereits im Juli hat Aisha, die Schwester des in Genf verhafteten Hannibal, die Juristin ist, gesagt: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Dem wurde in der Schweiz vielleicht zu wenig Beachtung geschenkt.

Spielt Lösegeld eine Rolle bei der ganzen Affäre?

Bisher offenkundig nicht. Würde und Ehre wurden verletzt. Aber es gibt die Gerüchte, dass bei einem Rüffel durch das Schiedsgericht die Schweiz Genugtuung bezahlen müsse. Einmal ist dabei von 50 Millionen, einmal von 50 000 Franken die Rede.

Können sich die Beziehungen zwischen Libyen und der Schweiz nach den ganzen Vorfällen überhaupt wieder normalisieren?

Ich glaube nicht. Die Libyer haben ihre 6 Milliarden Franken von den Schweizer Banken abgezogen. Das Geld werden sie nicht wieder bringen. Die Swiss hat verständlicherweise eine grosse Scheu, die Flüge nach Tripolis wieder aufzunehmen. Libyen wird einzig wieder Öl liefern, was in ihrem eigenen Interesse ist. Das Land besitzt schliesslich die Tamoil-Tankstellen und eine Raffinierie in der Schweiz.

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