FukushimaKan sagt Besuch im Katastrophen-Gebiet ab
Der japanische Premier kann aufgrund der Witterung nicht ins Erdbebengebiet reisen. In Fukushima kommt derweil die japanische Armee zum Einsatz.
Die Lage am Sonntagmorgen
Der verzweifelte Kampf gegen die Atomkatastrophe im japanischen Kraftwerk Fukushima-Daiichi hat einen Rückschlag erlitten. Im besonders problematischen Reaktorblock 3 steigt der Druck wieder an, wie Hidehiko Nishiyama von der Atomaufsichtsbehörde NISA am Sonntag mitteilte. Möglicherweise hätten die Bemühungen, den Reaktor mit Wasser zu kühlen, nichts bewirkt.
Zur Druckentlastung werde aus dem sogenannten Containment-Behälter etwas radioaktives Gas abgelassen werden müssen, sodass die Strahlungswerte um die Anlage wieder steigen würden, sagte Nishiyama. Dadurch könnten sich auch die Arbeiten zur Wiederherstellung der Stromversorgung verzögern.
Zuvor hatten japanische Regierungsvertreter wie auch die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) berichtet, die Lage scheine sich stabilisiert zu haben, sei aber immer noch unberechenbar. Die gefährlich überhitzten Reaktoren und Abklingbecken wurden nahezu ununterbrochen mit Meerwasser gekühlt.
In einem 13-stündigen Einsatz pumpte ein Feuerwehrfahrzeug mit Hochdruck tonnenweise Wasser direkt aus dem Meer auf Block 3. Am Sonntag begannen Rettungstrupps den Reaktorblock 4 mit Wasser zu beschiessen und hofften, eine Notstromversorgung anschliessen zu können. Zudem wurden Löcher in die Dächer der Blocks 5 und 6 geschlagen, um aufgestauten Wasserstoff entweichen zu lassen. Die Temperatur im Lagerbecken von Block 5 sei nach der Zufuhr von frischem Wasser gesunken, berichtete die Betreiberfirma Tokyo Electric Power Co. (Tepco).
Noch keine Entwarnung
Es habe Fortschritte gegeben, doch für Entwarnung sei es noch zu früh, hiess es am Samstag bei der IAEA in Wien. «Das Risiko verringert sich von Tag zu Tag», sagte Graham Andrew, ein Mitarbeiter von IAEA-Chef Yukiya Amano. Die Dinge liefen in die richtige Richtung. Dennoch könne immer noch etwas Unerwartetes geschehen, mahnte er zur Vorsicht.
«Wir erwarten mehr oder weniger nichts Schlimmeres zu erleben als jetzt», hatte Nishiyama gesagt. Regierungssprecher Yukio Edano berichtete, die Lage in den Reaktorblöcken 1, 2 und 3 habe sich stabilisiert. Die Zahl der Arbeiter wurde auf 500 verstärkt. Die Strahlendosis, bis zu der sie arbeiten dürfen, wurde von 100 auf 250 Millisievert erhöht. Sechs Arbeiter waren bereits mehr als 100 Millisievert ausgesetzt, wie Tepco berichtete.
Spinat und Milch belastet
Die Strahlung aus dem Reaktorunglück hat inzwischen die Nahrungskette erreicht. In Spinat und Milch aus der Umgebung des Kraftwerks, aber auch im Leitungswasser in Tokio und anderen Städten wurden leicht erhöhte Werte gemessen. Regierungsvertreter beteuerten aber, dass die Belastung unbedenklich sei.
Ein Beamter der Reaktorsicherheitsbehörde, Kazuma Yokota, räumte indes ein, dass schon viel früher Jodtabletten an die Anwohner des AKW hätten ausgegeben werden müssen und nicht erst drei Tage nach der ersten Explosion in Block 3. «Wie haben eine Katastrophe diesen Ausmasses nicht vorausgesehen», sagte er. «Wir müssen zugeben, dass wir nicht umfassend vorbereitet waren.»
Über 20 000 Tote und Vermisste
Über eine Woche nach dem verheerenden Erdbeben und Tsunami hat die Zahl der Toten und Vermissten inzwischen 20 000 überschritten. Nach jüngsten Angaben sind mehr als 81 000 Menschen gestorben, mehr als 12 000 werden noch vermisst. Über 425 000 Männer, Frauen und Kinder leben in Notunterkünften.
Gaskraftwerk soll Stromknappheit beheben helfen
Um die Stromversorgung Tokios zu verbessern, will Tepco versuchen, bis in einer Woche ein Gaskraftwerk wieder in Gang zu bekommen. Nach dem Beben wurden elf der 54 japanischen Atommeiler abgeschaltet. Einschliesslich der Schäden an konventionellen Kraftwerken hat das Land schätzungsweise zehn bis 40 Prozent seiner Kapazität zumindest vorübergehend eingebüsst.
(Eric Talmadge und Mari Yamaguchi / AP)