Libanon-Christen wollen Sieg von Israel

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Libanon-Christen wollen Sieg von Israel

Die konträren Ansichten der Menschen in Dschunieh nördlich von Beirut reflektieren die Zerrissenheit der libanesischen Bevölkerung angesichts der Gefechte im Süden des Landes.

Die Christen wollen keinen Waffenstillstand, bis die schiitische Hisbollah-Miliz geschlagen ist. Die Sunniten erklären, sie mögen zwar die Schiiten nicht, hassen Israel aber noch mehr. Die Schiiten wiederum, die aus dem Krisengebiet hierher geflohen sind, rufen die Hisbollah zur Fortsetzung ihres Kampfes auf.

«Wir hoffen, dass Israel gewinnt», sagt Liliane Susan. Sie gehört zur Religionsgemeinschaft der maronitischen Katholiken, die fast ein Viertel der libanesischen Bevölkerung ausmachen und schon immer pro-israelisch eingestellt waren. «Wenn die Hisbollah gewinnt, wäre das das Ende für die Christen, dann wird das hier ein Land der Schiiten», fügt die 46-jährige Mutter zweier Kinder hinzu. Solange die Hisbollah noch über Waffen verfüge, fühle sie sich nicht sicher im Libanon: «Wer weiss, vielleicht richten sie ihre Waffen eines Tages gegen uns.»

Auch Dany Mugharbel wirft der Hisbollah vor, das Land ins Chaos gestürzt zu haben. Die libanesische Regierung beschuldigt der sunnitische Muslim, zu lange inaktiv gewesen zu sein, denn sie hätte diese Miliz schon längst entwaffnen müssen. Dennoch spricht er Israel das Recht ab, dies zu tun. Es handele sich hier um eine rein libanesische Angelegenheit, sagt der 33-Jährige, der mit seiner Familie vor den Kämpfen im Südlibanon nach Dschunieh geflohen ist.

«Wenn man Streit mit seinem Bruder hat, ist es besser, das direkt mit dem Bruder auszufechten und nicht den Nachbarn einzuschalten», meint Mugharbel. Die Schiiten der Hisbollah sind für ihn entfernte Brüder oder auch nur entfernte Cousins. «Ich bin gegen die Hisbollah, aber ich will auch nicht das Ende des Libanons sehen», betont der Sunnit und beklagt sich darüber, dass die libanesische Zivilbevölkerung am meisten unter dem Konflikt zu leiden habe und ein neuer Bürgerkrieg drohe.

Der Schiit Ali Hassan hat indessen den Beschluss gefasst, sich der Hisbollah anzuschliessen. «Ich wünsche mir von ganzem Herzen, als Freiwilliger gegen Israel zu kämpfen», sagt der 22-jährige Arbeitslose. Er wurde vor wenigen Tagen aus dem Südlibanon in ein Flüchtlingslager evakuiert, um den israelischen Luftangriffen zu entgehen. «Ich will, dass der Krieg weitergeht, weil die Israelis meine Heimat zerstört haben, und ich wünsche mir, dass die Hisbollah Israel auslöscht», fügt Hassan hinzu. In der Hisbollah sieht er eine Zukunft für sich selbst und für den Libanon.

Makram Abu Seki von der Bevölkerungsgruppe der Drusen, einer islamischen Sekte, sieht die Lage zwiespältiger. «Mein Herz ist auf der Seite der Hisbollah, aber mein Verstand ist gegen sie», sagt der 22-jährige College-Absolvent. Die Miliz habe sich mit ihrem Vorgehen die Sympathien der meisten Drusen verscherzt. Andererseits aber würde er seine muslimischen Brüder immer gegen aussen Stehende in Schutz nehmen, betont Seki. So hoffe er zwar auf einen Sieg der Hisbollah gegen Israel, aber anschliessend müssten die libanesischen Streitkräfte stark genug sein, um die Miliz in Schach zu halten und einen neuen Bürgerkrieg zu verhindern.

Die orthodoxe Christin Rina Nehme fühlt sich weniger stark mit dem Libanon verbunden als ihre muslimischen Landsleute. «Wir sind nicht wirklich Araber, wir sind in erster Linie Christen», sagt die 40-jährige Produzentin von Dokumentarfilmen, die fast ihr ganzes Leben im Libanon verbracht hat. Wie die maronitische Katholikin Susan unterstützt auch sie Israel, meint jedoch, dass sie mit dieser Meinung in Schwierigkeiten geraten könnte. Die Hisbollah bezeichnet sie als «das schlimmste Virus im Libanon», deshalb dürfe es auch keinen schnellen Waffenstillstand geben.

Erschütternd findet es Nehme, dass nach gut 15 Jahren brüchigen Friedens nun ein neuer Bürgerkrieg drohe. Aber das sei eben das Problem des Libanons. Wie sie selbst fühlten sich die meisten Menschen eher ihren religiösen und ethnischen Gruppen verbunden als ihrem Land. Ein Frieden erfordere jedoch eine gewisse nationale Identität der 4,5 Millionen Libanesen. (dapd)

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