Junge Juden erleben «Zionismus light»

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Taglid Birthright IsraelJunge Juden erleben «Zionismus light»

Die zionistische Organisation «Taglid Birthright Israel» schickt junge Juden kostenlos zum Bildungsurlaub ins Heilige Land. Dabei sollen sie ihre Wurzeln entdecken und die wachsende Kluft zwischen Israel und der Diaspora überbrücken - und Spass haben.

Aus dem westlichen Sprachgebrauch ist er fast verschwunden: Der Begriff Zionismus. Das mag daran liegen, dass seine Vision, die Schaffung eines jüdischen Staates auf dem Territorium des biblischen Israels, Wirklichkeit geworden ist. Nicht dass sich der Zionismus gänzlich überlebt hätte, im Gegenteil: Die demographische Balance zwischen Juden und Arabern bleibt in Israel ein delikates Thema, denn die arabische Minderheit weist konstant höhere Geburtenraten auf als die jüdische Mehrheit.

Das fiel früher kaum ins Gewicht, als Millionen ihre alte Heimat Richtung Israel verliessen. Heute hingegen wandern noch wenige Zehntausend pro Jahr ein. «Jude zu sein bedeutet heute nicht unbedingt eine Bindung zu Israel, dem Judentum oder der eigenen jüdischen Herkunft zu haben», sagt Ada Spitzer von der Universität Haifa. «Das gilt besonders für junge Menschen, die im Gegensatz zur Generation ihrer Eltern die Verwandten in Israel nicht mehr kennen».

Die selbe Tendenz lässt sich auch umgekehrt feststellen: «Wenn nicht-praktizierende Juden aus Israel in die USA reisen, haben sie meistens kein grosses Interesse daran, jüdische Gemeinden vor Ort kennen zu lernen», schreibt Ansel Pfeffer, Journalist und Spezialist für die Beziehungen zwischen Israel und der Diaspora. «Sie haben ihr ganzes Leben unter Juden verbracht, wenn sie Israel verlassen, wollen sie etwas anderes erleben». Unterschiedliche Wahrnehmungen des Nahostkonflikts tun ein Übriges, diese Kluft zu vergrössern.

«Alijah» nicht mehr im Vordergrund

Ada Spitzer ist auch Sprecherin von «Taglid Birthright Israel», einer zionistischen Organisation, die diesen Entfremdungsprozess aufhalten will. «Taglid» ist hebräisch und bedeutet «Entdeckung», gemeint ist die Entdeckung der eigenen jüdischen Herkunft: Finanziert von Philanthropen und jüdischen Organisationen in den USA sowie von der israelischen Regierung, schickte die Organisation seit ihrer Gründung im Jahr 2000 laut eigenen Angaben über 190 000 Juden im Alter von 18 bis 26 Jahren und aus 52 verschiedenen Ländern auf eine zehntägige, kostenlose Reise ins Land ihrer Urahnen.

Das im Zionismus zentrale Element der «Alijah», die Einwanderung nach Israel, spielt laut Spitzer keine Rolle mehr: «Taglit Birthright Israel versucht Zehntausenden von jungen Juden das Land und die Menschen Israels, ihre jüdischen Gemeinden und ihrer eigene jüdische Identität näher zu bringen. Wo sie das tun, ist letztlich ihre Sache». Bisher sollen rund 10 000 ehemalige Taglid-Teilnehmer nach Israel emigriert sein. Die Zahl an sich ist tatsächlich vernachlässigbar, die blosse Existenz der Statistik zeigt aber, dass die Organisation Alijah misst und somit ein wichtiges Element der ursprünglichen zionistischen Idee weiter pflegt.

Sightseeing und «strukturierte» Sitzungen

Touristen in Israel kommen unweigerlich mit Taglid-Reisegruppen (70 Prozent von ihnen aus den USA) in Kontakt, stehen doch zunächst dieselben Sehenswürdigkeiten auf dem Programm, darunter etwa die Klagemauer, das Tote Meer, die historische Wüstenfestung Masada, der See Genezareth und die Golanhöhen. Integraler Bestandteil der zehntägigen Reise sind neben diesen Exkursionen «strukturierte» Sitzungen, sogenannte «Mifgasch», wo die Jugendlichen auf israelische Studenten und Rekruten treffen, die sie während mehrerer Tage begleiten.

«Es war interessant, mit Gleichaltrigen über das Leben in Israel, ihre Ausbildung, den Militärdienst und die Kriege zu diskutieren», erinnert sich Alejo Pasetto, der Israel in einer argentinischen Taglid-Gruppe bereiste. Dass sich unter den insgesamt fünf Rekruten «zufällig» auch zwei Argentinier befanden, zeigt, wie subtil ein Mifgasch strukturiert ist. Auf anderssprachige Gruppen treffen die Jugendlichen meist nur an den sogenannten Megaevents, wo Teilnehmer aus allen Ländern zusammenkommen.

Auch Spass darf sein

Die Arbeit Spitzers und ihrer Kollegen hat beim jungen Alejo Früchte getragen. Tatsächlich habe er seit jenen zehn Tagen in Israel ein engeres Verhältnis zu seinen Wurzeln und ein gesteigertes Interesse an der Geschichte des jüdischen Volkes. Wer ihn über jene Zeit sprechen hört, merkt bald, dass die Reise aber nicht nur augenöffnend, lehrreich und interessant war, sondern auch Spass gemacht hat.

Tatsächlich sind die Bars und Clubs in Tel Aviv und Eilat am Roten Meer voll von ausgelassen, bisweilen frivol feiernden Taglid-Gruppen, speziell die amerikanischen Teilnehmer scheinen das reichhaltige Angebot an Ausgehmöglichkeiten und die liberaleren Sitten voll auszukosten. Dass vereinzelt Sachschaden entsteht, dass sich hin und wieder Hotelgäste über Lärm bis in die frühen Morgenstunden beklagen, liegt in der Natur der Sache: Auch in Israel möchten Jugendliche vor allem Spass haben.

Und doch: «So sehr mir das Land gefallen hat, ich habe nie daran gedacht dort zu leben. Israel scheint mir kein Land, in dem man leben möchte», resümiert Alejo zum Schluss. So unaufgeregt und ein bisschen resigniert präsentiert sich der Zionismus im 21. Jahrhundert. Dazu gesellen sich ganz banale Probleme: Laut einem Bericht der israelischen Tageszeitung «Haaretz» kämpft die Organisation derzeit mit finanziellen Problemen, eine Folge der Wirtschaftskrise und den spärlicher eintreffenden Spenden.

(khr)

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