Schweizer Armee-Skandale (III)Der Panzer, der von selber schoss
Die Schweizer Armee ist mit der Affäre Nef und dem Kander-Drama einmal mehr ins Zwielicht geraten. In einer Serie blicken wir zurück auf Skandale und Affären der letzten 50 Jahre. Heute: der Mängelpanzer 68.
Während der Sommersession des Parlaments 1979 veröffentlichte die «Weltwoche» einen Artikel, der nicht nur in Bern mächtig Staub aufwirbelte. Die Zeitung zitierte aus einem vertraulichen Brief von Divisionär Robert Haener, dem Waffenchef der Mechanisierten und Leichten Truppen. Darin kam der oberste «Panzergeneral» der Schweiz zu einem verheerenden Fazit: Der Panzer 68, stolzes Produkt der eidgenössischen Waffenschmiede in Thun, war nicht kriegstauglich.
«In Anbetracht der gegenwärtigen Situation beim Panzer 68 lehne ich jede Verantwortung für die Einsatzbereitschaft der entsprechenden Panzerverbände ab», hielt Haener in dem Schreiben fest, das er bereits im März 1979 an Generalstabschef Hans Senn geschickt hatte. Weil der nur zögerlich reagierte, landete der Brief vermutlich durch eine gezielte Indiskretion bei der «Weltwoche», die von einem «tragischen Kapitel schweizerischer Rüstungspolitik» sprach.
Turm als Schwachpunkt
Das Parlament setzte eine Expertengruppe unter Leitung von Sigmund Widmer ein, LdU-Nationalrat und Stadtpräsident von Zürich. Sie listete Dutzende von Mängeln auf. So war der Schutz des Panzers 68 gegen atomare und chemische Waffen ungenügend, die Besatzung musste Schutzmasken tragen. Der Rückwärtsgang liess sich nur bei völligem Stillstand einlegen und nicht in voller Fahrt, wie es im Kampfeinsatz nötig wäre. Und beim Gebrauch des Funkgeräts in voller Stärke begann sich der Turm von selbst zu drehen.
Der Turm war ohnehin der grösste Schwachpunkt des Panzers. Anfangs war er viel zu klein, die Besatzung konnte sich darin kaum bewegen. Ab der dritten Serie wurde ein grösserer Turm aufgesetzt, doch das Mehrgewicht hatte zur Folge, dass sich die Panzerketten schneller abnutzten als geplant und zum Teil sogar absprangen.
Der wohl grösste Flop hatte bereits 1978 für Schlagzeilen gesorgt: Beim Einschalten der Heizung feuerte sich die Kanone von selber ab. Grund dafür war, dass verschiedene Systeme am gleichen Stromkreis hingen. Beim Aufdrehen der Heizung konnten so genannte Kriechströme entstehen, die den Zünder der Kanone aktivierten. Nur mit Glück passierte nichts Gravierendes. «Die Panzer 68 sind viel gefährlicher als sie aussehen», schrieb der «Blick» damals mit sarkastischem Unterton.
«Eine industrielle Notwendigkeit»
Dabei war die mangelhafte Fertigung des Panzers 68 keine neue Erkenntnis. Bereits 1974 war eine Fachkommission des Bundes zu einem schonungslosen Fazit gekommen: «Art und Zahl der Mängel erlauben es nicht, von einem kriegstauglichen Fahrzeug zu sprechen.» Doch das spielte keine Rolle, denn bei der Beschaffung zählten nicht militärische, sondern wirtschaftliche Gründe. Die Schweizer Rüstungsindustrie verlangte nach Aufträgen. Bundesrat Nello Celio sprach es als Vorsteher des Eidgenössischen Militärdepartements (EMD) 1968 beim Kauf der ersten Serie unverblümt aus: «Das ist keine militärische, sondern eine industrielle Notwendigkeit.»
Nach der Publikation des Haener-Briefs konnte man die Probleme nicht mehr ignorieren. In die Kritik geriet Rudolf Gnägi, Celios Nachfolger als EMD-Chef. Der Berner SVP-Bundesrat galt wie heute Samuel Schmid als führungsschwach. Der «Spiegel» zitierte spöttische Stimmen bei der NATO in Brüssel: «So lange die Schweiz sich den Gnägi als Verteidigungsminister leistet, kann der Kreml nichts Böses im Schilde führen.» Ende 1979 trat Gnägi zurück, nicht wegen des Panzerskandals, wie er betonte.
Weiterer Eigenbau gestoppt
Der Panzer 68 wurde mit teuren Nachrüstungen einigermassen einsatzfähig gemacht. Nach der Jahrtausendwende wurde er ausgemustert. Der angestrebte Verkauf der letzten 200 Exemplare nach Thailand scheiterte, worauf der einstige Schrottpanzer verschrottet wurde. Weitreichende Folgen hatte die Affäre für die Rüstungsindustrie. Die Entwicklung eines weiteren Eigenbaus als Nachfolger des britischen Centurion wurde gestoppt und stattdessen der deutsche Leopard II angeschafft. Der Traum von einem Kampfpanzer aus heimischer Fertigung war ausgeträumt.